Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: November, 2015

(280) Der erste Schock schien nicht enden zu wollen.

Der erste Schock schien nicht enden zu wollen. Kauernd verharrte sie neben dem Wagen. Es war so, als ob sie sich aus der Zeit geklinkt hatte. Sie schaute auf den Mond, der sich in der glatten Weiheroberfläche spiegelte. Dann stand sie auf und kehrte zurück zur Straße.

Sie musste weg, verschwinden aus dieser Gegend. Autostopp schien ihr naheliegend, immerhin eine Chance, auf einen Unbekannten zu treffen, jemand der ihr nicht ansah, was sie eben getan hatte. Der erste, der vorbeifuhr, sollte ihr Leben nochmals weiter verändern, als es der Totschlag bereits getan hatte.

Howie bremste seine Sportster 883 ab, drehte sich zu ihr um und winkte mit dem Daumen. Schon saß sie hinter ihm auf dem Motorrad. Er roch nach Zigaretten und Bier, ein wenig wie Roland, fiel ihr auf. Dazu auch nach Motoröl. Auf dem Rücken seiner Jeansweste ohne Ärmel waren die Abzeichen seiner Motorradgang.

Er fragte sie, wohin sie wollte. Sie meinte, nur weg von hier. Da brachte er sie zu seinen Clubkameraden, die auf einer Waldlichtung zelteten. Howie stellte Angelika Luke vor, den Chef der Truppe. Er saß am Lagerfeuer wie ein Indianerhäuptling und stellte ihr ein paar Fragen, während er eine Frau, die neben ihm lag, streichelte, als ob sie ein Hund wäre. Dann schickte er Kim, das war der Name der Frau, mit Angelika weg, um allein mit Howie sprechen.

„Sie verbirgt etwas“, sagte Luke zu Howie. „Du kannst sie behalten, aber vorher musst du herausfinden, was sie verbirgt.“ Kim hatte Angelika den anderen als Howies Frau vorgestellt. Angelika, die sich da schon Astra nannte, widersprach nicht.

Später setzte Howie sich mit ihr abseits der anderen und sie hatten das erste Mal ein richtiges Gespräch. Er sagte ihr, dass sie bleiben könne, so lange sie wolle. Sie müsse ihm aber erklären, warum sie davonlaufe. Angelika blickte in die dunklen Augen, die im Schein des Feuers unter der Schirmmütze funkelten. Sie erzählte ihm dann, warum und wie sie Roland erstochen hatte und dass sie deshalb flüchten musste. „Das ist ok“, antwortete Howie, „Du bist dabei. Wir haben hier große Achtung vor den Filthy Few.“ Sie legte sich neben ihn und ließ sich von ihm streicheln, so wie sie es bei Kim gesehen hatte.

(279) Roland Gils war in ihrem Heimatdorf überall vorn dabei.

Roland Gils war in ihrem Heimatdorf überall vorn dabei. Bei der Feuerwehr, im Schützenverein, beim Hausbau eines Kumpels – er machte mit. Immer ein bisschen zu laut, das Hemd verschwitzt und die Hose zu eng an den Hüften. Er fuhr einen Bauernporsche, der ein paar Mal nach langen Discoabenden von einem Trecker aus dem Straßengraben gezogen werden musste.

Als Angelika Thoma an einem Wochenende für die Heimfahrt keine andere Mitfahrgelegenheit fand, war es für sie ganz normal, bei Roland einzusteigen. Sie waren durch die Nacht gefahren, durch den Wald wie in einem Schlauch aus Licht. Sie war etwas müde und dösig, als Roland plötzlich schnurstracks in einen Waldweg einbog. Erst dachte sie an eine Abkürzung, dann wurde ihr schlagartig bewusst, dass am Ende der Straße nur ein Weiher war, sonst nichts. Er antwortete nur: „Du wirst schon sehen.“

Am Weiher hielt er an einer mondlichtbeschienenen Stelle an. Sie wollte die Tür öffnen, aber sie war verschlossen. „Hey, entspann dich“, sagte er und rückte näher zu ihr. Er lehnte sich mit seinem Oberkörper gegen sie und sein nach Zigaretten und Bier stinkender Atem lag wie eine Wolke über ihrem Gesicht. Er versuchte sie zu küssen und nestelte an der Rückenlehnenverstellung. Er musste den Sitz manipuliert haben, denn ganz unvermittelt kippte er komplett um gegen die Rückbank. Sofort lag er halb auf ihr. Sie tastete blind und in Panik mit einer Hand unter dem Sitz. Als sie die Messerscheide berührte, fiel es ihr ein, dass Roland öfters damit prahlte, ein großes Messer griffbereit unter dem Beifahrersitz zu haben.

Sie zog es heraus, dadurch streifte sie die Scheide ab. So wie sich das Messer am Sitzbezug verhakte und wieder löste, musste es sehr spitz sein. Sie setzte es an Rolands Rippen und wollte ihn pieken, damit er von ihr abließ. Als er ihr in dem Moment an die Brust griff, stieß sie automatisch zu. Roland bäumte sich jäh auf und fiel wieder auf sie zurück.

Sie rollte ihn von sich und sah, wie das Blut aus ihm herausströmte.

An dem Weiher hatte sie ihre Hände gewaschen. Das Messer, ein langer spitzer Dolch, hatte sie hineingeworfen. Roland lag im Wagen, mit dem Kopf zur Rückbank zwischen den Vordersitzen, die Arme ausgebreitet wie zum Segnen. Sie war eine Mörderin.

(278) Nachdem die Kartoffeln geerntet waren…

Nachdem die Kartoffeln geerntet waren, grub Nikolaus das Beet um. Astra stand am Küchenfenster und spielte gedankenverloren mit der Küchenschere, mit der sie den Kohl zerteilte. Sie beobachtete ihn, wie er in rhythmischen Bewegungen den Spaten in die Erde stieß, mit dem Stiefel tiefer drückte, mit dem Stiel die Scholle abhebelte, hochhob und umgedreht wieder fallen ließ. Immer wieder, eine Reihe nach der anderen, ohne Unterlass.

Nikolaus war so zuverlässig. Womit hatte sie ihn verdient? Sie wusste es: Sie hatte ihn gar nicht verdient, es war nur eine Täuschung. Sie war nur eine miserable Schauspielerin, die vorgab, die gute Ehefrau von Nikolaus Dorf zu sein. Die seinen Haushalt führte, Einkäufe besorgte, kochte und manchmal, wenn es nicht anders ging, Sex mit ihm hatte.

Dass sie nur eine Mörderin war, schleppte sie schon so lange mit sich herum, dass sie diese Last nicht mehr wahrnahm. Sie war aber auch eine Betrügerin an einem Mann, der selbstlos nur ihr Bestes wollte. Der nie Fragen gestellt hatte.

Nicht mal ihr Name war richtig. Astra war das Modell des Autos, das vorbeigefahren war, als sie ihn sich ausdenken musste. Wenn er die Wahrheit wüsste, würde er ihr verzeihen können? Oder würde er sich von ihr abwenden? Er, der tadelloseste Mann, den sie je kennen gelernt hatte. Er hätte wirklich etwas Besseres verdient. Vielleicht würde er eine Frau finden, die zu ihm passte, wenn sie einmal nicht mehr sein würde.

Hatte er nie geahnt, wen er in dieser Sturmnacht aufgenommen hatte, als sie Howie weggelaufen war? Nie hatte er gefragt, warum sie vor Motorrädern Angst hatte, warum sie Messer nicht mochte, warum sie nicht gern in einem stillstehenden Auto saß… Er hatte es einfach nur akzeptiert. Und anstatt, dass es ihr Sicherheit gegeben hätte, war es für sie nur eine Bestätigung, dass es bald viel schlimmer kommen würde.

(277) Als Nipkow am nächsten Morgen die Augen aufschlug…

Als Nipkow am nächsten Morgen die Augen aufschlug, erblickte er neben dem Bett von links nach rechts das Ei, den Schwan und den Tropfen, so wie er sie am Vorabend hingestellt hatte. Er berührte sie nacheinander, so wie er sie vor dem Einschlafen berührt hatte. Eigentlich wollte er im Zimmer frühstücken, aber dann entschied er sich für den Frühstücksraum, weil dadurch die Wiedersehensfreude mit der Einrichtung noch einmal größer sein würde.

Es war kein Einzeltisch frei und so setzte sich Nipkow zu Nikolaus Dorf, einen etwas dicklichen Mittvierziger von Zimmer 277, der traurig sein Ei aus der Schale löffelte. Nipkow schaute ihn verstohlen an und dachte, wenigstens ist er ruhig und erzählt mir nicht sein Leben.

Dorf sah traurig aus, dachte aber gerade an die schönsten Tage seines Lebens zurück. Auch damals war er im SAS Royal, allerdings nicht allein, sondern mit Astra, gewesen. Es war ihre Hochzeitsreise. Mehrmals hatten sie das Tivoli besucht, gerade gegenüber.

Gestern war Dorf auch noch einmal in dem Vergnügungspark gewesen. Er hatte mit der Rutschebanen, der alten Holzachterbahn, eine Runde gedreht. Als er durch einen der Tunnels gefahren war, hatte er auf einmal das Gefühl, dass Astra wie damals neben ihm saß, mit heller Stimme schrie und ihn küsste, als sie wieder in die Sonne fuhren. Dorf war ein zweites Mal gefahren, weil er diese Nähe noch einmal spüren wollte. Stattdessen war ihm in den dunklen Kurven kalt ums Herz geworden und er fragte sich, wie er sie hatte verlieren können. Auf einmal war sie weg gewesen, so als ob ein riesiger Schlauch sich über sie gestülpt hätte und sie von seiner Seite weggesaugt hätte.

Als die Achterbahn wieder hielt, taumelte er aus seinem Sitz und irrte vorbei an den vielen Restaurants, bis er vor dem Pantomimeteatret stehenblieb. Kolombine versuchte gerade, der Aufsicht von Pierrot zu entwischen, um mit ihrem geliebten Harlekin allein zu sein. Als sie mit ihm vereint war, hatte Dorf nur Augen für die roten Flicken an Harlekins Handgelenken gehabt. Sie erinnerten ihn an die klaffenden Wunden, die Astra sich zugefügt hatte und die vom blutroten Badewasser wie ausgelaugt schienen.

(276) Der Aufzug hielt im 6. Stockwerk.

Der Aufzug hielt im 6. Stockwerk. Der ältere Hotelangestellte schritt mit seinem Koffer voran, Dr. Nipkow folgte. Dann standen sie vor Zimmer 606. Während sein Begleiter die Tür aufschloss, wartete Nipkow wie gebannt. Dahinter lag für ihn das Paradies.

Nummer 606 war das einzige Zimmer des SAS Royal Hotel in Kopenhagen, das noch genauso aussah, wie es Arne Jacobsen designt hatte. Der Angestellte trat zur Seite, um Nipkow eintreten zu lassen. Einem inneren Zwang folgend, streifte sich der Zahnarzt noch auf dem Teppichboden im Flur die Füße ab. Er trat ein. Schwan, Ei, Tropfen, Serie 3300 als Sofa und Sessel, Schreibtisch, Nachttisch, die Holzfurniere an den Wänden – es war überwältigend. Er stand da wie angewurzelt und ließ alles auf sich wirken.

Der Angestellte hatte den Koffer niedergestellt und schaute Nipkow freundlich an. „Nice“, sagte er und Nipkow nickte unbewusst. Nur als sein Blick auf den Flachbildfernseher, der an der Wand hing, traf, verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck. Er zeigte darauf.

Der Angestellte seufzte. „Ich weiß, es ist ein Sakrileg. Aber ich konnte es nicht verhindern.“ – „Wie lange arbeiten Sie hier?“, erkundigte sich Nipkow. „Seit der Eröffnung in 1960“, antwortete der Mann, „ich war 16 Jahre alt und habe als Page hier begonnen. Dieses Jahr gehe ich in Rente. Ich werde das Haus sehr vermissen.“

Nipkow spürte, wie er feuchte Augen bekam. Er ergriff die Hand des Mannes und drückte sie. „Sie haben Jacobsen gekannt?“, fragte er. „Ja, er kam noch oft hierher. Ich bin froh, dass er die Veränderungen ab 1980 nicht miterleben musste. Bereits ein paar Jahre nach der Eröffnung muss es für ihn schwer gewesen sein, als sie sein Besteck nicht mehr im Restaurant benutzten. Aber 1980 haben sie überall die Holzfurniere in den Zimmern weiß gestrichen. Die Barbaren. Aber ich quatsche Sie hier voll. Genießen Sie das Zimmer, ich bin glücklich, dass Sie es zu schätzen wissen. Und wenn Sie etwas brauchen, fragen Sie nach Primo.“ Er ging aus dem Zimmer und Nipkow legte vorsichtig seine Hand auf die Oberkante des Eis.

(275) Dr. Nipkow telefonierte mit einer Angestellten des Auktionshauses.

Dr. Nipkow telefonierte mit einer Angestellten des Auktionshauses. „Es geht um Los 233. Das Original-Ei von Arne Jacobsen. Havannaleder. Haben Sie’s? Gut. Mein Höchstgebot sind 15.000 Euro. Eins fünf Tausend. Perfekt. Wann kann ich anrufen, um zu hören, ob es geklappt hat?“ Er bedankte sich und legte auf.

Dr. Nipkow hatte feuchte Hände bekommen. Er war schon so lange hinter diesem Sessel her. Ob er sein Gebot höher hätte ansetzen sollen? Er zögerte.

„Dr. Nipkow“, Frau Trapp, seine junge Zahnarzthelferin war in sein Büro getreten. „Der Wurzelkanal sitzt schon im Stuhl.“ – „Ich komme“, antwortete er. „Ist irgendetwas passiert?“, fügte er hinzu, „Ihre Augen sind ganz rot. Haben Sie geweint?“ Ihre Augen wurden wieder feucht. „Fragen Sie nicht“, sagte sie mit tonloser Stimme, „aber es geht schon wieder.“

Sie gingen ins Behandlungszimmer.

Dr. Nipkow grüßte Herrn Busch, der für eine Wurzelkanalbehandlung in 37, zweiter Backenzahn unten links, gekommen war. Nipkow warf einen Blick auf die Röntgenaufnahmen, injizierte das Anästhetikum und legte den Kofferdam an dem zu behandelnden Zahn an. Fast Jacobsen-Grün, dachte er.

Dann bohrte er den Zahn auf. Methodisch arbeitete er die einzelnen Arbeitsschritte ab, machte eine weitere Röntgenaufnahme, um die Wurzellänge besser abschätzen zu können. Während er die Kanäle aufbereitete, waren seine Gedanken bei dem Ei. Er verspürte eine heitere Anspannung beim Gedanken, dass gerade jemand in seinem Namen den Sessel kaufte.

Nach den Ausspülungen der Kanäle füllte er den Zahn mit Guttapercha und Sealer auf. Er blickte kurz auf die Uhr über der Tür. Vielleicht war es schon so weit. Er entfernte das Spanngummi und verabschiedete sich von Herrn Busch, der noch etwas benommen schien.

Nipkow eilte aus dem Behandlungszimmer in sein Büro, nahm den Hörer ab und drückte auf Wahlwiederholung. Er musste etwas warten, dann war seine Betreuerin am Telefon.

Leider hatte sein Maximalgebot nicht ausgereicht. Es war sehr knapp gewesen. Ganz zum Schluss war ein Saalbieter eingesprungen, der den Sessel für 16.000 Euro ersteigerte. Es hatte keine Gelegenheit gegeben, mit Nipkow Rücksprache zu halten. Wortlos legte er auf. Sein Gesicht fühlte sich wie versteinert an. Er fühlte sich beraubt.

(274) „Kommst du noch mit rauf auf einen Kaffee?“

„Kommst du noch mit rauf auf einen Kaffee?“ Also Kaffee. Er stieg hinter ihr die Treppe hoch und fühlte Kribbeln in seinem Bauch. Das Kribbeln steigerte sich bis in den dritten Stock, wo sie die Tür aufschloss.

Der Flur, das Wohnzimmer – bestimmt die ganze Wohnung war zugehängt mit Postern von T-Spoon. In dutzendfacher Ausführung und in allen Größen schauten ihn Enzo, Gaston, Nate und Pat an. Es war als ob sie ihn bewerteten und gleichzeitig daran erinnerten, was er mit den anderen drei der Blogger 4z vorhatte. Hunderte Augenpaare starrten ihn anklagend an und er fühlte sich schuldig.

„Setz dich“, sagte Vanessa, „ich mach mal gerade Kaffee.“ Sie blickte ihn an, drückte ihn an den Schultern ins Sofa, legte dabei den Kopf etwas schief und fügte hinzu: „In diesem Licht erinnerst du mich total an Enzo.“ Sie küsste ihren Zeigefinder und drückte ihm die Fingerspitze auf die Lippen. Dann ging sie in die Küche.

Adrian betrachtete Enzo genauer, verglich mehrere Aufnahmen von ihm mit dem Bild, das er von sich selbst hatte. Er fand nicht, dass er Enzo auch nur im Entferntesten ähnelte. Auch nicht Pat, Nate oder gar Gaston. Es war nur ein Scherz gewesen, diese Beschäftigung mit T-Spoon. Wahrscheinlich würde sie ihn nachher küssen und dabei mit einem Seitenblick Enzo fixieren, während er krampfhaft die Augen schließen würde. Ein armer Gaukler, der sich eine Stunde lang auf der Bühne quälen würde.

Nein, sogar wenn es dazu kommen sollte, würde er in dieser Wohnung unter keinen Umständen, auch nicht bei vollständiger Dunkelheit, Sex mit Vanessa haben können. Wahrscheinlich würde sie ihn im Dunkeln Enzo nennen. Ein Schauder lief ihm den Rücken hinunter.

Vanessa kam aus der Küche und brachte Tassen, Zucker, Milch und Löffel. „Ist gleich fertig“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. Oder hatte sie an ihm vorbei auf das Poster geschaut? Er stand auf. „Vanessa, es tut mir leid. Ich habe gerade eine SMS bekommen. T-Spoon werden sich trennen. Ich muss sofort los. Wir sehen uns.“

Bevor sie reagieren konnte, war er bereits draußen, lief die Treppe hinunter und aus dem Haus.

(273) Es war nicht Adrians erstes Blind Date.

Es war nicht Adrians erstes Blind Date. Genauer gesagt, war es das dritte. Das erste war über Freunde zu Stande gekommen, das zweite über ein Dating Portal im Internet. Dieses Mal war er direkt angesprochen worden, über seinen Blog.

Vanessa hatte gechattet, dass sie seinen Blog ständig las, hatte von sich erzählt und er hatte ihr geantwortet. Schließlich hatte sie ihn um ein Treffen gebeten. Das hatte er nicht erwartet, er sagte aber zu.

Als er sie gesehen hatte, war er angenehm überrascht gewesen. Er hätte nicht gedacht, dass jemand wie Vanessa es nötig hatte, Freunde übers Internet zu suchen. Es hatte also etwas mit seinem Blog zu tun. Vanessa war Dental-Assistentin („Zahnarzthelferin“, hatte sie hinzugefügt).

Adrian erzählte ihr von seiner Arbeit in der Werbeagentur und wie er zum Bloggen gekommen war. „Du schreibst doch viel über T-Spoon“, sagte sie. „Kennst du die Jungs?“

Da wurde es Adrian klar, warum Vanessa ihn treffen wollte. Sie war in Wirklichkeit nicht an ihm, sondern nur an T-Spoon interessiert. Zum Schein ging er auf ihr Gespräch über die Band ein. Es kränkte ihn ein bisschen, dass er für sie nur Mittel zum Zweck war. Das bedeutete, dass die neue Taktik der Blogger 4z ihr nicht gefallen würde. Mit anderen Worten: Er hatte unter keinen Umständen eine gemeinsame Zukunft mit Vanessa. Aber vielleicht war ja heute Abend etwas möglich bei ihr.

Sie diskutierten über die Trennungsgerüchte von T-Spoon und Adrian erklärte ihr, dass er nicht daran glaube, sondern die Gerüchte nur für einen Promotion-Gag hielt. Sie nickte aufgeregt. Während des Gesprächs hatte er mehrmals seine Hand auf ihren Arm gelegt und war näher an sie heran gerückt. Sie hatte sich nicht zurückgezogen.

Adrian und Vanessa zogen noch zwei Mal weiter und dann begleitete er sie bis zu ihrem Haus. Der Moment der Wahrheit, dachte er. Kaffee oder nicht Kaffee. Er hatte sich ziemlich reingehängt und war sicher, enttäuscht zu sein, falls sie ihn wegschicken würde.

(272) Benny sagt:

(272)

Benny sagt: (20:23:34)    Also was machen wir jetzt?

Mike sagt: (20:23:59)     Schreibe gerade einen Blog dazu.

Dolores sagt: (20:24:10)  Mach ich auch: ‚T-Spoon, es geht zu Ende. Ein Traum wird wahr‘

Benny sagt: (20:24:25)    Klingt gut. Heute Aufmacher in mehreren Zeitungen. Es bröckelt.

Mike sagt: (20:24:43)     Mann, echt unglaublich, was wir bewegen. Erst haben wir sie gehypt, jetzt schütteln wir sie aus dem Baum. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht.

Adrian sagt: (20:24:59)   Sind in zwei Tagen in Nassau. Warum heizen wir die Lokalpresse dort nicht auf?

Benny sagt: (20:25:10)    Super Idee.

Dolores sagt: (20:25:12)  Klasse!

Benny sagt: (20:25:50)    Habe nachgeschaut. Nassau Guardian, The Tribune, The Bahama Journal. Ich kümmere mich drum.

Adrian sagt (20:26:03)    Spitze!

Dolores sagt: (20:26:04)  Sag ihnen, dass es nicht die echten T-Spooner sind, sondern Doubles. Von der Plattenfirma eingesetzt. Die echten reden schon nicht mehr miteinander.

Benny sagt: (20:26:20)    LOL. Sehr gut. Noch Vorschläge?

Mike sagt: (20:26:34)     Gaston ist in der Entzugsklinik, Pat und Enzo wollen heiraten, Nate schreibt ein Buch.

Adrian sagt: (20:26:52)   Nee, sorry, das ist unglaubwürdig. Sollte auch stimmen können.

Dolores sagt: (20:27:08)  Finde ich auch…

Mike sagt: (20:27:20)     War nur ein Scherz.

Benny sagt: (20:27:44)    Leute: in der Wissenschaft heißt das hier selbsterfüllende Prophezeiung.

Mike sagt: (20:27:59)     Hä?

Adrian sagt: (20:28:07)   Google es. Ich muss weg. So long. Blogger 4z rulez!

(271) „Barry!“ Tony Chisholms Augen funkelten hinter der getönten Brille.

„Barry!“ Tony Chisholms Augen funkelten hinter der getönten Brille. Seine Kiefermuskeln spannten sich und er mahlte mit seinen Backenzähnen. Barry erschien im Türrahmen, den er fast ausfüllte. „Ja, Boss, hier bin ich.“ – „Schau dir die Scheiße hier an“, Chisholm warf ihm die Zeitung hin. Barry beugte sich darüber. „Was genau, Boss?“ – „Was ist denn der größte Artikel auf der Seite, du Hirnakrobat?“ – „Äh… ‚T-Spoon in Trennung?'“ – „Und was sagt uns das?“ – „Ich weiß nicht, Boss, ich kenne mich bei Musik nicht so aus.“ – „Es geht auch nicht um Musik! Es geht um Geld! Wir haben eine verfluchte Wette angenommen, dass T-Spoon sich in den nächsten Wochen auflöst. Verdammt hoher Einsatz. Habe meine Scheiß-Nichte gefragt. Sie meinte, die gehen so schnell nicht auseinander, da kommt bald ein neues Album. Deshalb habe ich die Wette auf den Büchern gelassen. Wenn diese Pickelärsche sich trennen, verliere ich mächtig viel Geld. Dämmert’s jetzt?“ – „Ja, Boss, jetzt verstehe ich. Das ist schlecht.“ – „Verdammt richtig. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, Plan A und Plan B. Plan A: Wir versuchen, dass die Idioten sich noch dreieinhalb Wochen lieben. Ich habe nachgeschaut, sie sind momentan auf einem verfickten Kreuzfahrtschiff unterwegs. Nächster Stopp ist Nassau, Bahamas in drei Tagen. Du fliegst hin, Economy, klar, und nimmst ab da an der Kreuzfahrt teil. Du wirst dir was einfallen lassen müssen. Im Zweifel etwas mit Gewalt, dass sie merken, dass sie gemeinsame Feinde haben. Das wird sie zusammenschweißen. Aber das ist kein Urlaub, und du musst dich sputen.“ – Klar, Boss, das mach ich. Gewalt ist gut. Was ist Plan B?“ – „Plan B ist, wenn Plan A nicht funktioniert. Dann werde ich Harry Lonsdale mal einen Besuch abstatten und ihn seinen verdammten verfickten Wettschein mit Essig und Öl auffressen lassen.“ – „Das ist ein tougher Plan B, Boss.“ – „Das stimmt, Barry. Deshalb sollte Plan A auch funktionieren. Sonst wird sich noch etwas anderes auflösen als die Band.“ – „Was denn, Boss?“ – „Du, und zwar in Salzsäure. Scheitern geht nicht. Ist das klar, Barry?“ – „OK Boss. Wann fliege ich nach Nassau?“