(247) Jennifer Coles war aufgeregt.

von Alain Fux

Jennifer Coles war aufgeregt. Sie hatte zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie ein Rendezvous. Es bestand die Hoffnung, dass vielleicht mehr daraus werden könnte. Sie hatte es natürlich nie darauf angelegt, eine alte Jungfer zu werden. Aber die Wissenschaft hatte immer Vortritt gehabt und so war die Zeit verronnen, ohne dass sie es bemerkt hatte.

An ihrem 40. Geburtstag, den sie allein mit ihrem Kater feierte, hatte sie auf ihr Leben zurückgeblickt. Beruflich war sie als Museumsleiterin des Londoner University College weiter gekommen, als sie es je erwartet hatte. Es hatte sie aber nicht glücklich gemacht.

Sollte Stewart Farley der Richtige sein? Ihr Zusammentreffen am Vortag hatte etwas Schicksalhaftes gehabt. Sie saßen sich spät in der U-Bahn gegenüber. Sie war auf dem Nachhauseweg von der Arbeit und gähnte. Er hatte ihr freundlich lächelnd zugenickt und sie hatte zurück gelächelt. Kurz darauf war er ausgestiegen und erst als der Zug wieder angefahren war, bemerkte sie, dass er ein Notizbuch verloren hatte. Sie nahm es an sich und schaute nach, ob sie seinen Namen darin finden konnte. Dabei bemerkte sie, dass das Buch Notizen zu Adam Smiths ‚Wohlstand der Nationen‘ enthielt. Was für ein ungewöhnlicher Zufall, dachte sie, denn darüber hatte sie promoviert. Im Vorsatz des Notizbuchs fand sie seine Telefonnummer.

Sie rief ihn noch am gleichen Abend an. Er war überglücklich, dass sie seine Unterlagen gefunden hatte. Es war ein sehr aufregendes Gespräch gewesen und Jennifer konnte sich nicht erinnern, so lange mit jemandem telefoniert zu haben.

Stewart war Privatforscher, schien wohlhabend, zumindest forschte er nur zum eigenen Vergnügen. Es war ihr, als ob sie mit einer männlichen Ausgabe von sich selbst sprechen würde. Er schien ihr so vertraut, als ob sie sich bereits sehr lange kannten. Auf jeden Fall hatten sie sich für diesen Abend in einem Café verabredet.

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