(222) Edith Barthel blickte auf die Uhr.

von Alain Fux

Edith Barthel blickte auf die Uhr. Zehn Minuten konnte sie ihm noch geben, aber es wurde Zeit, dass sie sich umzog. An der Tür ihres Schlafzimmers hing ihre Arbeitskleidung, die sie gestern Abend dort aufgehängt hatte: eine Netzstrumpfhose, ein Korsett aus schwarzem Satin und ein Lederminirock. Sie zog sich um. Dann legte sie die oberschenkelhohen Schaftstiefel aus Lackleder an sowie die langen Handschuhe aus Satin. Sie beschaute sich im Spiegel und überprüfte ihr Makeup. Herr Momsen würde zufrieden sein.

Sie ging ins Nebenzimmer, das komplett abgedunkelt war. Als sie den Lichtschalter betätigte, leuchteten mehrere schwache Glühbirnen an altmodischen Wandkandelabern auf und erhellten den Raum spärlich. Sie nahm eine Reitgerte von der Wand und trat zu der hüfthohen schwarzen Truhe mitten im Raum.

Mit der Reitgerte schlug sie auf die Truhe und sprach wirsch: „Aufwachen!“ Sie hob den Deckel hoch und klappte ihn zurück. Dann entriegelte sie die Vorderseite und ließ sie mit einem Krachen nach unten schwingen. In der Truhe lag ein nackter, mit roten Seilen gefesselter Mann. Über dem Kopf trug er eine Ledermaske ohne Augenöffnungen, aber mit einem Ausschnitt für den Mund, in dem ein roter Ballknebel steckte. Sabber lief an der Maske herunter und tropfte auf den mit rotem Gummi bezogenen Boden der Truhe. An den Händen trug der Mann Handschellen, die über seinem Bauch mit den Seilen fixiert waren.

Herr Momsen schien eine gute Nacht gehabt zu haben. Sie löste die Handschellen und gab ihm einen Hieb mit der Reitgerte, als er sich daraufhin am Bauch kratzte. Sie half ihm, die Beine über den Rand der Truhe zu drehen und sich aufrecht hinzusetzen. Sie löste die Seile und befahl ihm aufzustehen. Mit zitternden Knien tat er es. Dann nahm sie ihm die Ledermaske ab. Dahinter erschien das aufgedunsene rote Gesicht eines Endvierzigers, der sie mit dankbaren Augen anblinzelte.

Sie schnallte den Knebel auf und nahm den Ball aus seinem Mund. „Danke, Herrin“, sagte er. „Jetzt mach dich sauber, du Schwein“, herrschte sie ihn an. „Du ekelst mich an.“ Als er sich zu der Badezimmertür wandte, gab sie ihm noch einen Hieb mit der Gerte auf den Hintern, bedauerte es aber gleich wieder, denn der Striemen würde für ein paar Tage sichtbar bleiben.

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