(219) Aber bevor Hanswerner Lüttkens ein paar Worte an uns richtet…

von Alain Fux

„… und deshalb, liebe Kameraden, ist es mir eine besonders große Freude, unseren Kameraden Hanswerner Lüttkens aus der Berliner Zentrale bei uns begrüßen zu dürfen.“ Hajo Keller,  der Regionalleiter deutete auf Lüttkens. Dieser stand auf und winkte den zwei Dutzend anderen Anwesenden zu.

„Aber bevor Hanswerner Lüttkens ein paar Worte an uns richtet, haben wir noch einen besonderen Gast hier, quasi einen Stammgast, wie jedes Jahr in der Adventszeit.“ Die Anwesenden grölten zustimmend. Der Berliner sah verwirrt aus. Keller nahm ihn zur Seite und sagte leise in sein Ohr: „Der Weihnachtsmann.“ Lüttkens fragte irritiert zurück: „Der Weihnachtsmann? Das ist ja komplett unarisch. Das ist amerikanischer Müll!“

Keller winkte ab, während hinter ihm ein Kamerad im Weihnachtsmannkostüm auf die Bühne stieg, zum Vergnügen der restlichen Anwesenden. Der Weihnachtsmann setzte sich auf einen Stuhl in die Mitte und stellte seinen prallen Sack daneben.

Keller erklärte Lüttkens, dass ein deutscher Auswanderer, Thomas Nast, den Weihnachtsmann entworfen habe und das schon im 19. Jahrhundert. Die Darstellung ging auf eine regionale Figur zurück, die Nast aus seiner Pfälzer Heimat kannte, den Belznickel. Deshalb sei der Weihnachtsmann durch und durch arisch. Keller selbst habe sich dessen versichert.

„Trotzdem“, sagte Lüttkens bestimmt, „das ist ein Parteitreffen und wir wollen hier über die Zukunft von Deutschland diskutieren. Weihnachtsmann ist Weihnachtsmann und Deutschland ist Deutschland.“

Der Weihnachtsmann auf der Bühne hatte angefangen, die Namen von Kameraden von einer Schriftrolle vorzulesen. Die Benannten kamen auf die Bühne und erhielten ein Geschenk. Bei dem einen oder anderen nahm der Weihnachtsmann seine Rute und verpasste dem Kameraden zusätzlich ein paar Hiebe auf den Hintern, unter dem Gejohle der restlichen Anwesenden.

Lüttkens setzte noch einmal an: „Das sind nicht wir. Wir wollen Deutschland reinigen. Deutschland den Deutschen!“ Keller blickte ihn an und sagte: „Aber Hanswerner, es ist doch Weihnachten.“

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