(218) Cecilia klopfte dezent an die Tür von Zimmer 223.

von Alain Fux

Cecilia klopfte dezent an die Tür von Zimmer 223. Sie hörte keine Antwort und öffnete dann das Schloss mit ihrem Generalschlüssel. In den zwei Monaten, in denen sie im Hotel arbeitete, hatte sie die Vorgaben der Hausdame verinnerlicht und sie verrichtete ihre Arbeit ganz automatisch. Zuerst öffnete sie das Fenster zum Lüften. Dann stellte sie gebrauchtes Geschirr und Gläser zusammen und deponierte sie auf ihrem Wagen im Flur.

Während der Arbeit dachte sie oft an Abulug, den kleinen Ort auf den Philippinen, aus dem sie stammte. Dort war es schöner, sonniger und die Leute waren freundlicher. Aber leider arm. Sie war froh, in der Schule Deutsch gelernt zu haben, denn sonst hätte sie hier keine Arbeit gefunden. Im Hotel arbeitete sie gern, aber man hatte ihr gesagt, dass viele Deutsche Ausländer nicht mochten.

Das hatten ihr auch Irma und Yhen bestätigt, die mit ihr gereist waren und jetzt in einer Restaurantküche arbeiteten. Cecilia hatte mittlerweile das Bett gemacht und den Schlafanzug, der noch darin lag, zusammengefaltet. Sie öffnete den Kleiderschrank, um ihn darin zu verstauen.

Dort fand sie einen Stapel mit Flugblättern. In großer roter Schrift lautete ihr Titel: ‚Keine Arbeit für Ausländer‘ und darunter ‚Zwangsweise Rückführung notwendig und recht‘.

Sie schaute sich um, wie ertappt. Ihr war plötzlich kalt. Sie legte das Flugblatt zurück und schloss den Schrank. In Gedanken verloren trat sie ins Bad. Der Boden war überschwemmt, Zahnpasta klebte am Spiegel und in der Kloschüssel hingen noch Kotreste. Sie schloss die Badezimmertür hinter sich. Dann griff sie sich entschlossen die Zahnbürste des Gastes und schabte mit ihr die Kotreste von der Porzellanwand. Danach reinigte sie die Zahnbürste und stellte sie wieder in das Glas.

Es war zwar keine große Aktion, aber sie hatte ihr Genugtuung bereitet. Dann öffnete sie die Tür wieder und holte den Putzeimer aus ihrem Rollwagen.

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