(211) „Was ist los mit dir?“, fragte Jörg.

von Alain Fux

„Was ist los mit dir?“, fragte Jörg. Philip wirkte jetzt plötzlich niedergeschlagen. Jörg räumte den Tisch ab, sein Freund half ihm dabei, schwieg aber weiterhin. In der Küche stellte Jörg die Karaffe mit dem Sake kurz in die Mikrowelle.

Zurück im Wohnzimmer schenkte er ein und beide tranken von dem Sake. „Weißt du“, sagte Philip, „ich glaube, es gibt zwei Arten von Männern. Kannst du dich noch daran erinnern, als wir in der Grundschule waren, 2. Klasse? Es war Fasching und wir sollten uns verkleiden. Es gab eigentlich nur zwei Alternativen, die für uns in Betracht kamen: Superman oder Cowboy. Und ich glaube, dass diese Wahl unser ganzes Leben beeinflusst. Supermänner wollen die Welt retten und erwarten einfach, dass sie das schaffen müssen. Schließlich sind sie ja Superman. Diese Typen werden aber ständig enttäuscht und müssen ihre Beschränktheit erkennen. Aus ihnen werden dann frustrierte Träumer. Cowboys wissen, dass sie sich alles selbst erobern müssen, es wird ihnen nichts geschenkt. Wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst, dann empfinden sie das nicht als Affront, sondern als Fact of Life. Sie müssen selbst etwas unternehmen. Und irgendwann werden aus den Cowboys aggressive Jungs. Sie können nicht anders.“

„Du hattest damals das Superman-Kostüm, ich war der Cowboy.“ – „Das stimmt“, antwortete Philip, „aber ich wäre eigentlich lieber der Cowboy.“ – „Fremder, in dieser Stadt ist nur Platz für einen Cowboy“, antwortete Jörg mit gespielter Bassstimme.

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