(201) Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro…

von Alain Fux

Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro und hatte mehrere Ordner offen auf der Erde neben seinem Stuhl liegen. Er berechnete gerade den Einkaufspreis aller Waren, die in seinem Geschäft und dem angehängten Lager enthalten waren. Er kam auf € 169.423,50. Davon würde er ca. € 100.000 herausnehmen können und separat verkaufen für ca. € 75.000. Bei dem anschließenden Brand würde der Rest der Waren vernichtet werden. Leere Kartons, die mit verbrennen würden, sollten vortäuschen, dass alle Stofftiere von der Lagerliste auch wirklich verbrannt waren. Er würde aus der Aktion einen Wert von € 75.000 zurückbehalten. Genug, um die kosmetische Chirurgie für seinen Sohn Leon zu bezahlen.

Bei dem unglücklichen Sturz auf der Operntreppe war Leon mit dem Gesicht über den Quarzsandaufstrich geschürft, der zur Rutschhemmung auf den Stufen aufgetragen war. Es war so, als ob sein Gesicht ausradiert worden wäre. Noch jetzt verzerrte sich Menzels Gesicht schmerzhaft, wenn er daran dachte. Als er und seine Frau im Krankenhaus ankamen, war Leon bereits vollständig bandagiert. Der Arzt hatte die Eltern behutsam darauf vorbereitet, dass ein kosmetischer Eingriff erforderlich sein würde, um das Gesicht von Leon wiederherzustellen. Es bestand zwar eine Chance, dass die Gemeindeverwaltung für den Unfall eintreten würde. Allerdings würde Menzel klagen müssen, da keiner von allein die Verantwortung übernahm. Für eine Klage fehlte ihm das Geld und eine Krankenversicherung hatte er nicht abgeschlossen. Menzel musste das Geld erst einmal selbst aufbringen. Leider liefen seine Geschäfte nicht sonderlich gut und Menzel hatte, in der Hoffnung ständig wachsenden Verkaufs über das Internet sein Lager mit Stofftieren stark vergrößert.

Es blieb ihm nur noch der Versicherungsbetrug. Er hatte die Police der Feuerversicherung durchgesehen, die ihm ein windiger Vertreter aufgeschwatzt hatte. Zum ersten Mal war er froh, dass die Versicherungssumme relativ hoch war. Sogar der Betriebsausfall war mit abgedeckt. Menzel hatte keine andere Wahl.

Allerdings hatte er sich verkalkuliert. Das Feuer brannte nicht, wie er es erwartet hatte. In Menzels Lager verkohlten lediglich einige Rollen Plastikfolie. Der Kunststoff verstreute sich überall als Ruß und setzte sich an den Stofftieren fest. Dadurch wurden sie nahezu unverkäuflich. Der Brand hatte sich hingegen über einen Lüftungsschacht in den Briefmarkenladen nebenan verlagert. Dort war alles ausgebrannt.

Damit die fehlenden Stofftiere dem Versicherungsinspektor nicht auffallen würden, hatte Menzel sie zurückbringen und ebenfalls berußen müssen. Wenigstens war es der Feuerwehr nicht aufgefallen, während sie im Nachbarladen gegen die Flammen kämpfte. Menzel hoffte, dass seine Haftpflichtversicherung in Ordnung war.

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