(196) Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen.

von Alain Fux

Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen. Erst nach zwei Aspirin Effekt und einem Doppio macchiato wurde ihm klarer im Kopf. Er hatte den Fehler gemacht, nach der Vernissage Dodo zu einem Nightcap mitzunehmen. Am Ende waren er und Dodo allein gewesen und die Künstlerleber war einfach besser im  Training. Aber es war sehr informativ gewesen. Jetzt kannte Eberhard die neuesten Tratschgeschichten zu den wichtigsten Galeristen. Er würde die Kenntnisse bei anstehenden Verhandlungen bestimmt nutzen. Vor allem war es sehr lustig gewesen und trotz des Chaos im Kopf fühlte sich Eberhard beschwingt.

Er checkte seinen Terminkalender auf dem Touchscreenpanel und war erfreut, dass er bis 15 Uhr keine Termine hatte. Somit war er erst einmal frei, zu tun, was er mochte. Er beschloss, dass es ein guter Tag war, um eine Spritztour mit dem Segway zu unternehmen. Wann immer es seine Zeit erlaubte, benutzte Kraushaar den Roller. Es war ihm wichtig, stets an der Spitze der Entwicklung zu stehen, deshalb war er auch Venture Capitalist geworden. Als Business Angel half er jungen Technologieunternehmen, ihren Markt zu finden und verdiente mit an den steigenden Unternehmenswerten. Auch bei Kunstfragen wollte er an der vordersten Front dabei sein. Und so auch bei Fortbewegungsmitteln.

Als er die Straße entlang rollte, genoss er die Aufmerksamkeit seines Publikums. Dass er mit seinem Fahrradhelm auf dem Roller lächerlich wirkte, war ihm nicht bewusst und auch dann wäre es ihm egal gewesen. Sein Ziel war, wie bei den meisten seiner Segway-Ausflüge, ein Pavillon im Stadtpark, wo er sich mit einer Zeitung in die Sonne setzte und ausgiebig den Wirtschaftsteil studierte. Mittlerweile war er sehr wendig auf dem Roller. Beim ersten Mal hatte ihn ein Hund verfolgt und versucht, nach seinem Mantel zu schnappen. Kraushaar hatte seinen Hintern angezogen, um dem Hund keine Angriffsfläche zu bieten. Dadurch hatte er aber sein Gewicht nach hinten verlagert und den Segway zum Stehen gebracht. Der Hund hatte seinen Haltungsfehler ausgenutzt und ihm in den Hintern gebissen.

Längere Zeit hatte Kraushaar diese Anekdote verwendet, um zu erklären, warum  man sich im Leben und im Geschäft in den Wind lehnen musste.

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