(194) Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge.

von Alain Fux

Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge. Sie hatte Mühe, ihm stöckelnd zu folgen. Achim war Regionalleiter im Vertrieb eines Versicherungsunternehmens. Sein Talent, neue Kunden zu gewinnen, hatte sich in der Versicherung bereits bis auf Vorstandsebene herumgesprochen und er hatte eine glanzvolle Karriere vor sich. An diesem Abend wollte er unbedingt einen potenziellen Kunden treffen, wegen dem er überhaupt erst dem Freundeskreis des Museums beigetreten war. „Wenn das klappt“, hatte er ihr gesagt, „das ist unsere Rente.“

Endlich hatte Achim Dr. Langheinrich entdeckt. Heike konnte aufatmen, die wilde Jagd hatte ein Ende. Sie schüttelte dem älteren Herrn die Hand. Achim nahm das Gespräch an sich und da Dr. Langheinrich ohne Gattin gekommen war, hatte Heike Gelegenheit, sich das Gemälde, das hinter ihr hing, anzuschauen.

Es kam ihr bekannt vor: ein älteres Bauernpaar vor einer Scheune. Er hielt eine Mistgabel in der Hand und schaute etwas sauertöpfisch drein. Sie trug eine Schürze, das Haar in einem Dutt und schien Angst vor der Zukunft zu haben. Heike fragte sich, wie sie und Achim irgendwann mal aussehen würden. Sie konnte ihn sich nicht so zurückgezogen vorstellen, dafür war er viel zu aktiv und extrovertiert. Er würde wahrscheinlich eher mit einer Harley Davidson aus der Scheune gebraust kommen und dabei winken. Wie würde sie später einmal sein? Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie sich überlegte, was ihr noch alles zustoßen könnte. Wäre es möglich, dass auch sie einmal verbittert dreinschauen würde? Oder würde sie bei Achim hinten auf dem Motorrad sitzen? Oder allein vor der Scheune stehen, weil Achim mit einer anderen Frau auf dem Sozius durchgebrannt war?

„American Gothic“, unterbrach Achim ihre Gedanken. Dr. Langheinrich war von einer fetten Frau mit Diamantencollier entführt worden. „Das ist der Titel des Bildes“, fügte Achim erklärend hinzu. „Es ist von Grant Wood. Interessanterweise ist die Frau die Schwester des Malers und der Mann ist sein Zahnarzt. Das wäre ja auch ein seltsames Paar.“

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