(193) Heike beugte sich weiter nach vorn und schaute intensiv in den Spiegel.

von Alain Fux

Heike beugte sich weiter nach vorn und schaute intensiv in den Spiegel. Einem Radarstrahl gleich suchten ihre Augen auf der Haut nach Zeichen des Verfalls. Es war eine routinemäßige Untersuchung, der sie sich jedes Mal unterzog, wenn sie allein vor einem Spiegel saß und nicht in Eile war. In Eile war sie selten und vor einem Spiegel saß sie jederzeit gern.

Durch das ständige Nachschauen war sie so sehr mit ihrem Gesicht vertraut, dass sie die tatsächlich voranschreitende Alterung nicht bemerkte. Was ihr auffiel, waren hingegen größere Veränderungen von einem Tag zum anderen, die nur auf den Lichtverhältnissen oder auf ihrer Einbildung beruhten. Während sie langsam älter geworden war, hatte sie die wesentlichen Anzeichen dafür verpasst.

Trotzdem wusste sie aus der Werbung, dass sie etwas tun musste, um auch künftig jung auszusehen. Seit Monaten beschäftigte sie sich mit der Frage ‚Botox: ja oder nein?‘. Mittlerweile hatte sich die Frage umgewandelt in ‚Botox: heute oder morgen?‘

Würde sie es nicht ausprobieren, so wäre es, als ob sie sich aufgegeben hätte, vermittelten ihr die Zeitschriften, die sie ausgiebig las. Sie beschloss, morgen die Nummer anzurufen, die sie sich längst notiert hatte. Es war zwar jetzt noch nicht nötig, aber es würde den Alterungsprozess in der Zukunft verlangsamen. Sie schraubte ein Döschen mit Gesichtscreme auf, tupfte von dem Inhalt ein bisschen auf Stirn und Wangen und rieb die Creme mit den Fingerspitzen ein.

„Und auf ins Getümmel“, sagte sie sich. Der Rest ihres Tages war eng getaktet: Zuerst eine Stunde Pilates-Training, dann ihre Tochter aus der Schule abholen, dann sich für den Abend zurechtstylen, dann Achim bei der Vorvernissage der „American Art“-Ausstellung im Museum treffen.

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