Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: September, 2015

(219) Aber bevor Hanswerner Lüttkens ein paar Worte an uns richtet…

„… und deshalb, liebe Kameraden, ist es mir eine besonders große Freude, unseren Kameraden Hanswerner Lüttkens aus der Berliner Zentrale bei uns begrüßen zu dürfen.“ Hajo Keller,  der Regionalleiter deutete auf Lüttkens. Dieser stand auf und winkte den zwei Dutzend anderen Anwesenden zu.

„Aber bevor Hanswerner Lüttkens ein paar Worte an uns richtet, haben wir noch einen besonderen Gast hier, quasi einen Stammgast, wie jedes Jahr in der Adventszeit.“ Die Anwesenden grölten zustimmend. Der Berliner sah verwirrt aus. Keller nahm ihn zur Seite und sagte leise in sein Ohr: „Der Weihnachtsmann.“ Lüttkens fragte irritiert zurück: „Der Weihnachtsmann? Das ist ja komplett unarisch. Das ist amerikanischer Müll!“

Keller winkte ab, während hinter ihm ein Kamerad im Weihnachtsmannkostüm auf die Bühne stieg, zum Vergnügen der restlichen Anwesenden. Der Weihnachtsmann setzte sich auf einen Stuhl in die Mitte und stellte seinen prallen Sack daneben.

Keller erklärte Lüttkens, dass ein deutscher Auswanderer, Thomas Nast, den Weihnachtsmann entworfen habe und das schon im 19. Jahrhundert. Die Darstellung ging auf eine regionale Figur zurück, die Nast aus seiner Pfälzer Heimat kannte, den Belznickel. Deshalb sei der Weihnachtsmann durch und durch arisch. Keller selbst habe sich dessen versichert.

„Trotzdem“, sagte Lüttkens bestimmt, „das ist ein Parteitreffen und wir wollen hier über die Zukunft von Deutschland diskutieren. Weihnachtsmann ist Weihnachtsmann und Deutschland ist Deutschland.“

Der Weihnachtsmann auf der Bühne hatte angefangen, die Namen von Kameraden von einer Schriftrolle vorzulesen. Die Benannten kamen auf die Bühne und erhielten ein Geschenk. Bei dem einen oder anderen nahm der Weihnachtsmann seine Rute und verpasste dem Kameraden zusätzlich ein paar Hiebe auf den Hintern, unter dem Gejohle der restlichen Anwesenden.

Lüttkens setzte noch einmal an: „Das sind nicht wir. Wir wollen Deutschland reinigen. Deutschland den Deutschen!“ Keller blickte ihn an und sagte: „Aber Hanswerner, es ist doch Weihnachten.“

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(218) Cecilia klopfte dezent an die Tür von Zimmer 223.

Cecilia klopfte dezent an die Tür von Zimmer 223. Sie hörte keine Antwort und öffnete dann das Schloss mit ihrem Generalschlüssel. In den zwei Monaten, in denen sie im Hotel arbeitete, hatte sie die Vorgaben der Hausdame verinnerlicht und sie verrichtete ihre Arbeit ganz automatisch. Zuerst öffnete sie das Fenster zum Lüften. Dann stellte sie gebrauchtes Geschirr und Gläser zusammen und deponierte sie auf ihrem Wagen im Flur.

Während der Arbeit dachte sie oft an Abulug, den kleinen Ort auf den Philippinen, aus dem sie stammte. Dort war es schöner, sonniger und die Leute waren freundlicher. Aber leider arm. Sie war froh, in der Schule Deutsch gelernt zu haben, denn sonst hätte sie hier keine Arbeit gefunden. Im Hotel arbeitete sie gern, aber man hatte ihr gesagt, dass viele Deutsche Ausländer nicht mochten.

Das hatten ihr auch Irma und Yhen bestätigt, die mit ihr gereist waren und jetzt in einer Restaurantküche arbeiteten. Cecilia hatte mittlerweile das Bett gemacht und den Schlafanzug, der noch darin lag, zusammengefaltet. Sie öffnete den Kleiderschrank, um ihn darin zu verstauen.

Dort fand sie einen Stapel mit Flugblättern. In großer roter Schrift lautete ihr Titel: ‚Keine Arbeit für Ausländer‘ und darunter ‚Zwangsweise Rückführung notwendig und recht‘.

Sie schaute sich um, wie ertappt. Ihr war plötzlich kalt. Sie legte das Flugblatt zurück und schloss den Schrank. In Gedanken verloren trat sie ins Bad. Der Boden war überschwemmt, Zahnpasta klebte am Spiegel und in der Kloschüssel hingen noch Kotreste. Sie schloss die Badezimmertür hinter sich. Dann griff sie sich entschlossen die Zahnbürste des Gastes und schabte mit ihr die Kotreste von der Porzellanwand. Danach reinigte sie die Zahnbürste und stellte sie wieder in das Glas.

Es war zwar keine große Aktion, aber sie hatte ihr Genugtuung bereitet. Dann öffnete sie die Tür wieder und holte den Putzeimer aus ihrem Rollwagen.

(217) Hansjörg Simon war nicht in Eile.

Hansjörg Simon war nicht in Eile. Der Transport würde erst in einer guten Stunde eintreffen. Die Veranstaltung von Malek hatte ihn noch einmal gestärkt und er fühlte sich bereit, allen Widrigkeiten entgegen zu treten.

Mit Schwierigkeiten rechnete er aber heute nicht, denn sein System hatte sich bewährt. Simon war der Brückenkopf einer Schleuserorganisation, die arbeitsuchende Ausländer, vor allem Asiaten, nach Deutschland holte und sie an Restaurants und Hotels vermittelte.

Früher war Simon Handelsvertreter für Fertigsaucen gewesen und kannte daher sehr viele Restaurantbesitzer. Aber sein Beruf gefiel ihm nicht mehr. Nach seinem ersten Malek-Seminar hatte er sich gefragt, was die Welt brauchte und was er beitragen konnte. Nun, die Welt, oder besser gesagt die Restaurants, die er kannte, brauchten günstige Arbeitskräfte. Einer seiner Kunden hatte das Problem für sich gelöst, indem er thailändische Landsleute nach Deutschland schmuggelte.

Simons Blick war durch das Malek-Seminar geschärft. Er erkannte die Gelegenheit und bot dem Kunden an, dieses Geschäft gemeinsam mit ihm weiter zu entwickeln. Das hatten sie getan und Simon fand endlich wieder Spaß an seinem Leben. Mit großem Engagement dehnte er die Herkunftsländer der Ausländer aus und verbesserte die Organisation der Übersiedlung, bis hin zur Erstellung von perfekt gefälschten Ausweispapieren.

Die Saucen vertrieb Simon auch jetzt noch, aber nur als Vorwand und um steuerlich ein Einkommen vorweisen zu können. Frauenhandel lehnte er ab, obwohl man ihn gefragt hatte, ob er sein System auch in diese Richtung ausdehnen wollte. Er fand aber, dass er sich nicht verzetteln sollte. Der Erfolg gab ihm Recht.

Heute erwartete er drei Filipinas. Zwei davon waren als Küchenkräfte in einem Restaurant für Wildspezialitäten geplant. Die dritte Frau sollte als Zimmermädchen in einem Hotel am Ort arbeiten. Eine der drei sprach wohl deutsch, sie würde er ins Hotel bringen, denn hier konnte sich jederzeit Kontakt mit Gästen ergeben. Das war in der Küche ausgeschlossen.

(216) Im Eingangsbereich der Veranstaltungshalle waren mehrere Stände aufgebaut…

Im Eingangsbereich der Veranstaltungshalle waren mehrere Stände aufgebaut, an denen Malek-Bücher, Malek-CDs, Videos und DVDs verkauft wurden. Es gab sogar T-Shirts und Laptoptaschen. Matthias besah sich die Bücher. Sie hatten alle den gleichen Inhalt: ‚Mit der richtigen Einstellung erreichst du alles‘.

Ein Mann neben ihm zischte: „So ein elender Schwachsinn.“ – „Das finde ich auch“, antwortete Matthias. „Was ist Ihre Entschuldigung, hier zu sein?“ – „Meine Frau hat mich geschickt. Ich soll mich mal motivieren lassen. Es war mein Geburtstagsgeschenk. Und bei Ihnen?“ – „Toll, das mit dem Geburtstagsgeschenk“, entgegnete Matthias. „Bei mir war es die Verzweiflung. Aber ich hatte mir nicht wirklich etwas erhofft.“ Hinter ihm mischte sich eine Frau ein: „Schade um das Geld. Man hätte es sich ja denken können.“

Ein weiterer Mann gesellte sich dazu, Hansjörg Simon. „Bei mir ist es jetzt das fünfte Mal, dass ich zu einem Malek-Seminar komme. Beim ersten Mal war ich auch verzweifelt und eingangs genauso skeptisch wie Sie. Dann habe ich mir ein Buch von ihm gekauft und gelesen. Ich habe mir seine Worte ein paar Tage durch den Kopf gehen lassen. Und wenn ich jetzt zurückblicke: Es hat wirklich mein Leben verändert.“

„Wie denn?“, fragte die Frau, „was war denn plötzlich anders?“ – „Ich war anders. Ich habe die Welt nicht mehr als eine Verschwörung gegen mich begriffen, sondern wie einen Garten voller Gelegenheiten, die ich ergreifen durfte. Und als ich meine Einstellung geändert hatte, gelang mir auch vieles besser. Anfangs war es schwieriger, aber mit der Zeit gelang es ihm immer besser. Und Malek war dabei der zündende Funke.“ Er nickte den beiden Männern und der Frau zu und ging weiter.

„Wenn Erfolg so aussieht, dann soll mich der Erfolg am besten gar nicht finden“, bemerkte die Frau. Matthias schüttelte den Kopf: „Das geht doch nicht, dass man sich einfach so ändert, weil man es will. Ich glaube nicht daran.“ Der andere Mann hatte sich ein Buch von Malek (‚Es liegt in deiner Hand‘) gegriffen und steuerte die Kasse an.

(215) Mit dem Mikrofon in der Hand stand Malek mitten auf der Bühne.

Mit dem Mikrofon in der Hand stand Malek mitten auf der Bühne. Sein Gesicht wurde noch einmal in riesengroß auf der Leinwand hinter ihm dupliziert.

„Was wir fühlen, hat den größten Einfluss auf unsere Entscheidungen. Und was wir entscheiden, bestimmt unsere Handlungen. Es ist also notwendig, dass wir unsere Gefühle so verändern, dass wir die richtigen Handlungen durchführen.“

Malek stellte sich vorn an den Bühnenrand. „Sie sagen jetzt: ‚Jay, wie aber können wir unsere Gefühle verändern?‘ Das ist eine gute Frage. Stellen Sie sich vor, Sie sind griesgrämig drauf.“ Er verzog das Gesicht, ließ seine Mundwinkel sinken, den Kopf zwischen die Schultern fallen und sah traurig aus. „Meinen Sie, dass Sie so die richtigen Entscheidungen treffen können?“

Vereinzelte Nein-Rufe kamen aus der Menge, die sich vor der Bühne drängte. Darunter befand sich auch Matthias, der aber kein Wort sagte.

„Natürlich nicht, wir würden traurige Entscheidungen treffen, die zu traurigen Handlungen führen. Am Ende wären wir…“ Er machte eine Kunstpause. Stimmen aus der Menge riefen: „…traurig!“ Matthias überlegte, ob es sich um Mitarbeiter von Malek handelte, die sich unter die Menge gemischt hatten.

„Genau, traurig. Wir lernen daraus: Wenn wir positive Ergebnisse erzielen wollen, müssen wir mit einer positiven Einstellung anfangen.“ Malek kreuzte zur anderen Seite der Bühne. „Das war sehr gut, oder? Wir sind hier in dieser Halle 347 völlig unterschiedliche Menschen. Alle mit einem anderen Hintergrund und anderen Zielen. Gemeinsam haben wir gerade eine äußerst wichtige Erkenntnis gewonnen: Unsere Einstellung bestimmt das Ergebnis unseres Handelns.“

Malek ließ die Erkenntnis einen Moment einsacken, aber nicht zu lange, denn er fühlte noch Widerstand im Publikum. „Ich spüre, dass noch einige unter uns sind, die nicht überzeugt sind. Das ist in Ordnung, dafür sind wir hier. Fragen Sie sich, was Sie mit Ihrem Leben anfangen wollen. Wollen Sie ein soso lala Leben, bei dem Sie jeden Tag genug zu essen haben und nicht an der erstbesten Infektionskrankheit sterben? Oder wollen Sie ein Leben führen, bei dem Sie selbst sagen können: ‚Wow, toll‘?“

Matthias hatte genug gehört. Er bahnte sich einen Weg durch das Publikum und verließ den Zuschauerraum.

(214) Schon als Kind hatte Matthias einen speziellen Bezug zu Babys gehabt.

Schon als Kind hatte Matthias einen speziellen Bezug zu Babys gehabt. Sie schienen sich bei ihm wohl zu fühlen und wenn er mit ihnen spielte, beruhigten sie sich sofort. Als Jugendlicher war er sehr beliebt als Babysitter. Deshalb war sein Weg auch vorgezeichnet: Er wollte in einer Kinderstation im Krankenhaus arbeiten.

Er absolvierte seine Ausbildung zum Krankenpfleger und war schließlich an seinem Ziel angelangt. Es gab niemanden auf der Station, der sich mit einer ähnlich großen Hingabe um die Neugeborenen kümmerte. Er konnte sein Wissen ebenfalls sehr gut an unerfahrene Mütter weiter geben. Der Oberarzt lobte ihn, auch im Kreis der Kollegen, als eine wesentliche Stütze der Abteilung.

Seine negativen Reaktionen auf das Geschrei der Babys hatten sich sehr schleichend entwickelt. Zuerst waren es einfache Kopfschmerzen, die er mit Tabletten bekämpfte. Die Anfälle wurden aber immer heftiger und er stellte den Zusammenhang zwischen Babygeschrei und Kopfschmerzen fest. Wenn im Dienst ein Baby zu schreien anfing, war es bereits eine Qual für ihn. Wenn weitere folgten, und das war oft der Fall, konnte er nicht mehr weiterarbeiten.

Matthias begab sich in Behandlung. Nach eingehenden Untersuchungen ging man davon aus, dass die Ursache psychischer Natur sei. Als Folge davon wurde er als arbeitsunfähig krankgeschrieben. Seine Lebenslust war dadurch stark gedämpft, weil er Kinder sehr mochte und ihm seine Tätigkeit als Pfleger für Neugeborene alles bedeutete.

Das hatte wiederum dazu geführt, glaubte er, dass er nach seiner Krankschreibung auch weiter unter massiven Kopfschmerzattacken litt. Neben der Gruppentherapie suchte er nach anderen, alternativen Möglichkeiten, um seine bedauerliche Situation zu verändern. Da er viel Zeit hatte, beschäftigte er sich fast ausschließlich mit sich selbst. Und er fand, dass die anderen Teilnehmer der Therapierunden vielleicht Recht hatten: Es fehlte ihm vielleicht nur an der richtigen Einstellung.

Deshalb besuchte er eine Veranstaltung des Motivationstrainers Jay Malek.

(213) Sein Schmerztherapeut hatte Jörg eine Gruppentherapie empfohlen…

Sein Schmerztherapeut hatte Jörg eine Gruppentherapie empfohlen, um vorzubauen, dass er sich zu sehr als Einzelschicksal wahrnahm. An der ersten Sitzung nahmen neben Jörg noch sieben weitere Patienten teil. Jörg hatte bereits nach der ersten Vorstellungsrunde den Eindruck, dass die meisten absolute Loser waren. Nur ein Teilnehmer schien ihm ebenbürtig zu sein.

Die anderen erschienen ihm wie Leute, die sich ohne Ziel vom Leben treiben ließen und sich irgendwann wunderten, dass sie nicht weiterkamen. Insbesondere die Leiden von Matthias, einem 41-Jährigen, schienen Jörg vollständig selbstverschuldet. Matthias war Pfleger auf der Neugeborenenstation in einem Krankenhaus. Sein Krankheitsbild bestand darin, dass er bei Kindergeschrei Anfälle von Kopfschmerzen bekam. Jörg wollte sagen, dass er sich doch einfach einen anderen Job suchen solle, vielleicht in der Betreuung von stummen Patienten, verkniff sich aber die Bemerkung.

Der einzige aus Jörgs Sicht interessante Teilnehmer war Heiner. Was Jörg an Heiner gefiel, waren die klaren Worte mit denen er seine Situation beschrieb, sowie das genaue Ziel, das er mit der Therapie verfolgte. Die anderen Teilnehmer waren unentschlossen und es schien Jörg, dass ihre Therapie damit von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Heiner hingegen sagte, dass sein Therapieziel darin bestünde, sein Leben wieder so zu leben, wie er es vor der Schmerzthematik gelebt hatte. Damit würden sich auch alle anderen Probleme in seinem Leben lösen.

Jörg konnte ihm nur beipflichten: Auch er wollte seine Schmerzimpulse in den Griff bekommen. Matthias meinte, dass der Versuch, über alles Kontrolle zu haben, vielleicht der Auslöser der Schmerzen sei. Jörg schaute zu Heiner hinüber und rollte nur mit den Augen. Heiner zwinkerte ihm zu.

(212) Du machst dir falsche Vorstellungen vom Leben eines Cowboys.

„Du machst dir falsche Vorstellungen vom Leben eines Cowboys“, sagte Jörg. „Lange Zeit dachte ich auch, dass ich alles um mich herum so verändern kann, so dass es für mich passt. Dass alles nur von meinen Anstrengungen abhängt.

Vor zwei Jahren aber hatte ich plötzlich Schmerzen in der Hüfte. Beim Gehen war es mir so, als ob das Gelenk in Sand steckte und bei jedem Schritt die Knochen aneinander schmirgelten.

Ich war bei vielen Experten für solche Probleme. Viele Male wurde ich in den Scanner geschoben. Es war aber nichts zu finden. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich ein neues Gelenk brauchte. Aber es wollte kein Arzt den Eingriff vornehmen, weil kein Grund dafür zu erkennen war. Bis mir ein Arzt die Diagnose stellte, dass es sich bei mir um chronische psychosomatische Schmerzen handelte. Ich habe mich weiter darüber informiert und ich glaube jetzt, dass der Grund dafür in meinem Cowboy-Verständnis lag, alles beeinflussen zu können. Es hat ein so hoher Druck auf mir gelastet, dass der Körper irgendwann nicht mehr wollte und mir das über die Hüftschmerzen mitteilte.“ – „Aber du gehst doch regelmäßig joggen und mir ist nichts aufgefallen“, wandte Philip ein.

„Nun, zum einen nehme ich Schmerzmittel. Zum anderen ist es meine Art, mit dem Problem umzugehen. Ich will meinen Körper zwingen. Er muss akzeptieren, dass ich bestimme, wo es lang geht. Ich weiß, das ist nicht der beste Weg, aber wenn ich es nicht täte, würde es mich verrückt machen. Glaub‘ mir, es ist nicht einfach, John Wayne zu sein.“ – „John Wayne sagte: ‚Mut ist, wenn man Todesangst hat, sich aber trotzdem in den Sattel schwingt'“, zitierte Philip. „Ich glaube, das hat er in einem Film gesagt, nicht im wirklichen Leben“, entgegnete Jörg. „Wie geht es jetzt weiter?“, fragte Philip. „Ich werde mich ändern müssen, dafür bin ich in Therapie.“ – „Das ist es ja genau, was ich sage, ihr Cowboys habt das im Griff, während wir Supermänner irgendwann unser Cape an den Garderobehaken hängen und die Unterhose unter den Jeans tragen.“

(211) „Was ist los mit dir?“, fragte Jörg.

„Was ist los mit dir?“, fragte Jörg. Philip wirkte jetzt plötzlich niedergeschlagen. Jörg räumte den Tisch ab, sein Freund half ihm dabei, schwieg aber weiterhin. In der Küche stellte Jörg die Karaffe mit dem Sake kurz in die Mikrowelle.

Zurück im Wohnzimmer schenkte er ein und beide tranken von dem Sake. „Weißt du“, sagte Philip, „ich glaube, es gibt zwei Arten von Männern. Kannst du dich noch daran erinnern, als wir in der Grundschule waren, 2. Klasse? Es war Fasching und wir sollten uns verkleiden. Es gab eigentlich nur zwei Alternativen, die für uns in Betracht kamen: Superman oder Cowboy. Und ich glaube, dass diese Wahl unser ganzes Leben beeinflusst. Supermänner wollen die Welt retten und erwarten einfach, dass sie das schaffen müssen. Schließlich sind sie ja Superman. Diese Typen werden aber ständig enttäuscht und müssen ihre Beschränktheit erkennen. Aus ihnen werden dann frustrierte Träumer. Cowboys wissen, dass sie sich alles selbst erobern müssen, es wird ihnen nichts geschenkt. Wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst, dann empfinden sie das nicht als Affront, sondern als Fact of Life. Sie müssen selbst etwas unternehmen. Und irgendwann werden aus den Cowboys aggressive Jungs. Sie können nicht anders.“

„Du hattest damals das Superman-Kostüm, ich war der Cowboy.“ – „Das stimmt“, antwortete Philip, „aber ich wäre eigentlich lieber der Cowboy.“ – „Fremder, in dieser Stadt ist nur Platz für einen Cowboy“, antwortete Jörg mit gespielter Bassstimme.

(210) In den darauf folgenden Tagen war Philip euphorisch.

In den darauf folgenden Tagen war Philip euphorisch. Er sagte Jörg, dass er dem Tod in die Augen gesehen habe und jetzt vor nichts mehr Angst hätte. Jedes Mal, wenn sie sich sahen, dankte Philip Jörg überschwänglich und Jörg sagte jedes Mal, dass es doch ein sehr natürlicher Reflex gewesen sei und jeder das Gleiche getan hätte wie er.

Um die Wiedergeburt zu feiern, lud Jörg Philip zu einem kleinen Abendessen bei sich ein. Er hatte auch Ines, eine Kollegin, sowie deren Freundin Ada eingeladen. Er fand, dass Philip eine Frau bräuchte, um sich wirklich in seiner Heimatstadt wieder zu Hause zu fühlen.

An dem Abend der Einladung war Philip noch aufgekratzter als die Tage zuvor. Jörg hatte gleich am Anfang des Essens die Geschichte von Philips Joggingunfall erzählt und Philip hatte Jörgs Rolle weiter ausgeschmückt. Aufgrund der Schilderung konnte man annehmen, dass Jörg ihn unter Einsatz des eigenen Lebens gerettet hatte.

Die vier stießen zuerst auf Philips neues Leben an und dann auf Jörg den Helden. Philip redete ohne Unterlass, schenkte Wein nach, legte seine Hand beim Reden ständig auf Adas Arm – kurz, er schien Jörg manisch zu sein. Ines fühlt sich unwohl, dachte Jörg. Ada hatte er vorher noch nie kennen gelernt, aber auch ihr schien Philips direkte Art zu viel zu sein.

Jörg bat Philip, ihm in der Küche bei der Vorbereitung des Take-Out Sushis zu helfen. Dabei sagte er Philip, dass er sich etwas zurücknehmen sollte, weil es bei den Damen nicht so gut ankäme. Das glaubte Philip ihm nicht und meinte, es wäre unmöglich, zu viel Freude zu empfinden.

Im Verlauf des Abends wurde es noch schlimmer. Philip trank übermäßig viel von dem Rotwein und versuchte schließlich, Ada zu küssen. Als sie sich wehrte und den Kopf wegdrehte, griff er ihr an den Busen. Ines schritt ein, zog ihn zurück und schrie ihn an. Jörg versuchte zu beschwichtigen, aber es war zu spät.

Ada und Ines sprachen kein Wort mehr, nahmen ihre Mäntel und Handtaschen. Sie verließen die Wohnung und die beiden Männer blieben erst ein Mal schweigend zurück.