(187) Das Häuschen von Floras Familie war auf einer kleinen Anhöhe…

von Alain Fux

Das Häuschen von Floras Familie war auf einer kleinen Anhöhe gelegen, an die sich ein Wald schmiegte. In der Ferne erkannte man den Kirchturm des nahen Dorfes. Es war sehr ruhig, nur das Bimmeln der Kuhglocken war zu vernehmen. Damit hatte Dina kein Problem. Sie war seit zwei Tagen dort und hatte bereits gute Fortschritte mit dem Biochemie-Stoff gemacht. Die Lust am Lernen war zurückgekehrt. Noch hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wie ihr Studium weitergehen sollte, denn sie konnte ja nicht immer nur auf dem Land lernen. Dieser Frage würde sie sich nach der Klausur stellen.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Knall über ihr. Sie schreckte hoch. Zuerst dachte sie, dass sie sich verhört habe, aber dann nahm sie Fußtritte über sich wahr. Sie erstarrte. Das musste Einbildung sein. Über ihr war nichts, sie war allein. Es war, als ob die Energie der beiden letzten Tage mit einem Mal verflog. Sie trat hinaus vor das Häuschen.

Als sie sich umdrehte, um auf das Dach zu schauen, erblickte sie einen Menschen mit Helm und orangefarbenen Overall auf dem Dachfirst, der mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht hielt. Sie drehte sich weg. Sie war übergeschnappt, sie hatte einen weiteren Nervenzusammenbruch, diesmal sogar mit Halluzinationen. Dann schaute sie noch einmal hin. Das Wesen stand weiterhin da oben. Es sah aus wie ein Außerirdischer.

„Hallo?“, rief Dina zögerlich. Das Wesen wandte den Kopf nach unten, bemerkte sie und hob die Hand zum Winken. Mit der anderen hob es das Visier des Helms hoch und dahinter kamen freundliche Augen zum Vorschein. „Hallo, hallo“, rief eine Männerstimme zurück. „Gottseidank, es gibt Leben da unten. Hätten Sie vielleicht eine Leiter, damit ich vom Dach runter kann?“

Dina fand eine Leiter in der Scheune und setzte sie an die Dachtraufe. Der Mann stieg vorsichtig herunter. Er stellte sich vor: „Christian Leube, Astronaut.“ Dina war erleichtert zu hören, dass er gerade einen Absprung mit dem Fallschirm hinter sich hatte und der Wind ihn abgetrieben hatte. Leube befand sich in der Astronautenausbildung und Fallschirmspringen gehörte dazu. Er entschuldigte sich, dass er ihr einen Schrecken eingejagt hatte. Zusammen rollten sie den Fallschirm ein, der auf der anderen Seite des Häuschens lag. Inzwischen waren auch zwei Soldaten mit einem Jeep vorgefahren und nahmen Leube wieder mit. Dina stand auf der Anhöhe und winkte ihm nach, bis der Wagen in einer Kurve verschwand.

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