(186) Dina legte ihr Mobiltelefon auf den Schreibtisch.

von Alain Fux

Dina legte ihr Mobiltelefon auf den Schreibtisch. Sie schaute aus dem Fenster nach unten auf den dichten Verkehr, der sich vorbeischlängelte, hupte, bremste und beim Beschleunigen wieder hupte. Es war sehr stickig in ihrem Zimmer, aber bei geöffnetem Fenster war an Konzentration überhaupt nicht zu denken. Sie bereitete sich auf eine Klausur vor und beschäftigte sich mit dem Membrantransport von Proteinen. Besonders bei den Rezeptoren hatte sie große Schwierigkeiten sich die Namen zu merken. Jedes Mal wenn sie glaubte, auf einem guten Weg zu sein, gab es draußen einen Knall, ein Scheppern, ein Hupen oder sonst etwas, das sie aus dem Konzept brachte. Abends, wenn der Verkehr sich beruhigt hatte, waren es die Fußtritte des Mieters über ihr, die sie ständig störten. Oder es waren die laute Musik und das Lachen. Schlimm waren auch Sexgeräusche.

Natürlich hatte sie es mit Ohrstöpseln versucht, aber damit schienen ihre Gedanken zu blockieren. Sie zog die Pfropfen wieder heraus. Sie hatte bereits zwei Klausuren nicht geschafft, aus denselben Gründen. Ihrem Vater hatte sie davon nichts erzählt. Langsam verließ sie die Kraft, sich jedes Mal aufs Neue an den Schreibtisch zu setzen und Bücher aufzuschlagen, deren Inhalt sie sich nicht merken konnte. Über ihr, ein Schlag. Es schien, als ob die Decke zitterte. Sie schmiss das Buch auf den Tisch, riss die Tür auf und lief über die Treppe ein Stockwerk höher. Sie klopfte fest an die Tür des Zimmers über ihr. Niemand öffnete. Sie klopfte stärker, nahm die Fäuste zu Hilfe und fing an, lautstark zu schimpfen. Es geschah nichts, aber es war ihr, als ob hinter jeder Tür jemand sein Auge an den Türspion presste und ihr dabei zusah, wie sie einen Affen aus sich machte. Sie hörte auf, gegen die Tür zu hämmern und sank heulend nieder.

Am Abend hatte sie Besuch von Flora, einer Kommilitonin. Sie war die Einzige, mit der Dina in der neuen Stadt Freundschaft geschlossen hatte. Vielleicht auch, weil sie die einzigen Frauen in der Studiengruppe waren. Von anderen Studenten im  Wohnheim hatte Flora bereits von Dinas Zusammenbruch gehört. „Warum ziehst Du nicht für ein paar Tage in das Wochenendhaus meiner Familie“, schlug Flora vor. „Da kannst du dich in aller Ruhe auf die Klausur vorbereiten. Es ist sehr ruhig und du gewinnst bestimmt wieder Energie.“ Nach einigem Zureden willigte Dina ein, Flora gab ihr eine Wegbeschreibung und den Schlüssel des Häuschens.

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