(185) Dr. Guse zog das Laken über den Kopf der Patientin.

von Alain Fux

Dr. Guse zog das Laken über den Kopf der Patientin. Eine Schwester schaltete den monoton fiependen EKG-Monitor aus. Das Baby hatte er retten können, aber die Mutter war an Atemstillstand gestorben. Sie hatten ihr das Magnesium, das die Krämpfe lindern sollte, zu schnell gegeben und er wusste, dass das auch sein Versagen war.

Der Auftritt von Prof. Sommerfeld war bestimmt ein weiterer Grund für den Fehler, aber das hätte nicht passieren dürfen. Er zog sich die Handschuhe von den Händen. Eine Schwester half ihm aus dem Kittel. Wortlos verließ er den OP-Saal und ging wie in Trance durch die Gänge in sein Büro. Falls ihn jemand auf dem Weg angesprochen hatte, merkte er es nicht.

Dr. Guse setzte sich hin und stützte seinen Kopf auf die Hände. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass eine Patientin während einer OP verstorben war. Aber zum einen wäre der Fehler hier leicht vermeidbar gewesen. Zum anderen hatte die Patientin ihn an seine Tochter erinnert. Vielleicht war das auch der Grund, warum er sofort eingesprungen war, als Prof. Sommerfeld nicht auftauchte. Die Patientin hatte genau die gleiche Nase gehabt wie Dina. Es hätte auch seine Tochter treffen können. So war es die Tochter von anderen Eltern.

Er hatte plötzlich ein großes Verlangen danach, die Stimme seiner Tochter zu hören und sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Er griff zum Hörer und wählte ihre Nummer. Nach ein paar Klingeltönen hatte er sie in der Leitung.

„Hallo, Dina. Wie geht es dir?“ – „Es geht mir gut. Was machst du?“ – „Ich habe gerade etwas Zeit zwischen zwei Terminen und wollte deine Stimme hören. Was machst du?“ – „Ich versuche zu lernen, aber es ist so laut hier, dass ich mich nur schwer konzentrieren kann.“ – „Das tut mir leid. Und es geht dir wirklich gut?“ – „Ja, Papa. Wie geht es dir denn? Was macht die Kunst?“ – „Ha“, machte er kurz, „es ist bestenfalls Kunsthandwerk. Meistens nicht besser als das, was ein Dorfmetzger so macht. Es ist schön, zu hören, dass es dir gut geht.“ – „Danke, dass du mich angerufen hast. Viel Spaß beim Metzgern.“

Dr. Guse legte den Hörer nieder, atmete tief ein und wieder aus. Dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, mit den Hinterbliebenen der Toten zu sprechen. Er biss sich auf die Unterlippe und eilte zurück zum OP.

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