(182) Hallo, Herr Herold. Die Lage ist geklärt.

von Alain Fux

„Hallo, Herr Herold. Die Lage ist geklärt. Wir haben den Einbrecher festgenommen. Es war einer der Hausbesetzer von nebenan. Kam übers Dach und dann durch die Balkontür. Die Alarmanlage hat sehr gut funktioniert. Die Tür werde ich reparieren lassen. Ich schlage vor, einen Stahlrollladen auf dem Balkon zu installieren… Ja, werde ich veranlassen. Ihnen noch einen schönen Urlaub.“ Schilling trat auf den Balkon hinaus und blickte zu dem Haus mit den leeren Fensterhöhlen hinüber. An mehreren Stellen ersetzten Plastikplanen die herausgerissenen Fenster.

Dahinter diskutierte eine Gruppe von Hausbesetzern die neue Lage. „Dennis wurde im Streifenwagen weggebracht“, erklärte Jens. „Es ist möglich, dass wir heute Nacht noch Besuch von der Bereitschaftspolizei bekommen.“ – „Das war eine superbescheuerte Idee“, platzte Tia heraus, „wir sind nicht hier, um die Klos der Reichen zu stürmen, sondern um die Reichen in ihren Klos hinunter zu spülen. Was für ein Weichei. Aber gut, wir haben den Kampf erwartet, jetzt werden wir ihn durchstehen. Wir müssen zuerst die Dächer sichern, um zu vermeiden, dass die Bullen von dort ´reinkommen. Das übernimmt Gruppe 1. Gruppe 2 nimmt sich die Eingänge nach vorne und hinten vor und verbarrikadiert sie wie geplant. Vergesst den Keller nicht. Gruppe 3: Verteidigung nach vorne, Gruppe 4 nach hinten. Gruppe 5…“ – „Gruppe 4 macht nicht weiter mit“, unterbrach sie Jens. „Gewalt ist nicht unser Ding.“

„Ach, die Gärtner“, höhnte Tia, „wenn es darum geht, von Utopien zu träumen, seid ihr dabei. Aber wenn ihr kämpfen sollt, dann zieht ihr den Schwanz ein. Veränderungen kommen nicht dadurch, dass man Grünzeug verpflanzt, sondern dass man auch bereit ist, Opfer zu bringen.“ – „Tut mir leid, Tia“, entgegnete ihr Vicki und stellte sich neben Jens, „nicht jeder ist dafür geschaffen. Wir wünschen euch viel Glück.“

Die vier Mitglieder von Gruppe 4 (Jens, Vicki, Ulla und Patrick) nahmen ihre Sachen und verließen das besetzte Haus. „Fahren wir erst einmal zu mir“, schlug Jens vor.

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