(177) Hélène schüttelte den Kopf.

von Alain Fux

Hélène schüttelte den Kopf. „Eine Schande, wenn Eltern so wenig auf ihre Kinder Acht geben“, sagte sie. Astrid hatte ihr gerade erzählt, dass Knuts Eltern bis zu ihrem Anruf nicht gemerkt hatten, dass ihr Sohn nicht mehr Zuhause sei. Es schien ihnen auch nicht notwendig, Knut abzuholen. Sie baten lediglich, dass Astrid ihn in den Zug nach Hause setzen möge, man würde ihr die Kosten für das Zugticket erstatten. „Kein Wunder, dass er weggelaufen ist. Sehr intelligent, empfindsam… Eigentlich war es ein schöner Tag mit ihm.“ – „Vielleicht solltest du es noch einmal überdenken, dass du keine Kinder haben möchtest“, gab Hélène ihr zu bedenken. Sie hatte zwei Kinder und fand, dass Astrid mit ihrer starren Einstellung einen Fehler machte. „Du würdest auch schneller den richtigen Mann finden.“ – „Wie den da drüben“, meinte Astrid und zeigte diskret mit dem Kopf in die gegenüberliegende Ecke des Bistros.

Dort saß Jérôme, ein 71-Jähriger, der ausgiebig mit Gisèle (47) herumknutschte. Der Kellner hatte sich bereits zwei Mal im Vorbeigehen vorwurfsvoll geräuspert, aber die beiden hatten sich nicht stören lassen.

Vor einer Woche hatte der Arzt Jérôme mitgeteilt, dass er Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe und seine Lebenserwartung nur noch zwei Monate betrage. Die Diagnose selbst hatte Jérôme nicht überrascht, denn er hatte jahrzehntelang bei AIWON im Asbest gearbeitet. Dass ihm aber nur so wenig Zeit blieb, hatte ihn aus der Bahn geworfen.

Er hatte beschlossen, seine gesamten Ersparnisse innerhalb der nächsten Wochen zu verbrauchen. Für jeden Tag hatte er ein bestimmtes Budget festgelegt, das er ausgeben wollte. Die Dienste von Gisèle hatte er auch für diesen Zeitraum gemietet. Sie ahnte den Grund, freute sich aber über den steten Geldfluss. Die Küsse hatte sie extra berechnet.

Der Kellner blieb jetzt vor ihnen stehen und räusperte sich lauter. Jérôme ließ von Gisèle ab und schaute auf. „Monsieur, ich würde Sie bitten, jetzt zu zahlen und zu gehen“, sagte der Kellner streng.

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