(172) Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche…

von Alain Fux

Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche und starrte in das Lagerfeuer. Seit Jahren war es sein Traum gewesen, nach dem Abschied aus dem Polizeidienst nach Kamtschatka zu fliegen, um dort einen Braunbären zu schießen. Die Reise hatte ihn 7.000 Euro gekosten. Was für ihn ein Batzen Geld war. Und dann hatte er gepatzt.

Der Reiseveranstalter hatte alles perfekt organisiert. Nachdem man ihn in Petropawlowsk am Flughafen abgeholt hatte, verbrachte er zuerst einen Tag in der Stadt. Am nächsten Morgen wurde er mit einem alten Armeehelikopter zu den Jagdgründen geflogen. Gestern waren sie zuerst auf die Pirsch gegangen, aber außer ein paar Spuren und Losung hatten sie nichts gefunden.

Heute hatte es eine traumhafte Situation gegeben. Einer der Treiber machte eine frische Spur aus, der sie folgten. Es war perfekt, sie kamen gegen den Wind zu einer Stelle, an der eine Bärin mit einem Jungen saß. Oppermann und die Treiber lagen bäuchlings auf einer Anhöhe und hatten die beste Einsicht. Das Bärenjunge tollte sorglos umher und die Mutter schien sehr entspannt. Er schaute fragend auf den Treiber, denn er fand es nicht in Ordnung, die Mutter des Kleinen abzuknallen. Aber der Treiber machte ihm Zeichen, dass das in Ordnung sei, er solle jetzt schießen.

Oppermann legte das Gewehr an und setzte das Zielfernrohr an sein Auge. Als er die Bärin voll im Visier hatte und gerade die Luft anhalten wollte für einen sicheren Schuss, erblickte er plötzlich vor seinem inneren Auge das Bild des kleinen Jungen und daneben den amerikanischen Soldaten, der Oppermann die Tasche mit den Zigaretten umhängte. Das Bild überlagerte die Bärin. Er setzte ab. Der Treiber sah ihn verwundert an.

Oppermann legte erneut an. Und wieder, als er die Bärin anvisierte, kam ihm das Bild des Jungen in den Sinn, wie er dalag, als Oppermann sich über ihn beugte. Jetzt öffnete der Junge seine Augen und starrte ihn klagend an. Oppermanns angespannter Zeigefinger verkrampfte und der Schuss löste sich. Die Treiber fluchten. Die Bärin und ihr Junges verschwanden im Handumdrehen hinter einem Felsblock.

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