(170) Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.

von Alain Fux

„Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.“ Der Butler nahm Eugene Binder den Mantel ab. „Guten Tag, Simpson“, antwortete Eugene und ließ sich von dem Bediensteten in das Wohnzimmer führen. „Eugene“, rief ein alter, weißhaariger Herr, „gut dass du kommst, du musst hier etwas klären.“ Archy Summer, bis zu seinem Ruhestand einer der besten Anwälte für Gesellschaftsrecht, stand auf und bot Eugene seinen Platz an. Binder begrüßte auch die anderen beiden Anwesenden, die er seit vielen Jahren kannte: Herb Bishop und George Weston.

George erklärte: „Herb hat uns erzählt, dass die Mona Lisa im Louvre eine Kopie ist, weil die Nazis das Gemälde verschleppt hatten. Gegen Ende des Weltkriegs hätten die Nazis das Gemälde zum Schutz in einem österreichischen Salzbergwerk versteckt. Dort sei es 1945 von alliierten Soldaten gefunden worden, zusammen mit einer großen Menge anderer Gemälde. Die meisten der Kunstwerke kamen wieder zurück an ihre Plätze, die Mona Lisa sei allerdings wieder verschwunden. Einer der Soldaten habe sie gestohlen. Die Franzosen hätten im Louvre eine Kopie aus dem 16. Jahrhundert aufgehängt und hätten kein Interesse daran, dass die Wahrheit herauskommt.“

„Herb hat eine blühende Fantasie. Das klingt fast so wie seine Golfgeschichten“, meinte Archy. „Vielleicht hast du die Mona Lisa ja selbst gestohlen“, frotzelte Eugene, „du warst doch 1945 als Soldat drüben.“ – „Genau“, fügte George hinzu, „die wahre Mona Lisa hängt bei dir Zuhause in einem Geheimzimmer im Keller und abends vor dem Schlafengehen gehst du zu ihr und drückst ihr einen Schmatz auf die Lippen.“

Herb seufzte: „Warum nenne ich diese Bande von Schwachsinnigen eigentlich Freunde?“ – „Weil niemand sonst deine Räuberpistolen anhören würde“, antwortete Eugene, „aber dafür hat man ja Freunde.“ – „Auf die Mona Lisa“, toastete Archy und hob sein Glas. „Auf die Mona Lisa“, antworteten die anderen drei.

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