(169) Es ist alles in Ordnung, Jacky.

von Alain Fux

„Es ist alles in Ordnung, Jacky. Du musst nicht mehr weinen. Opa geht es wieder gut. Das war ja ein Schreck, oder? Hast du auch geglaubt, der Wagen kann nicht rechtzeitig anhalten?“ Jacky hatte sich unter den Arm seines Großvaters gebohrt und war jetzt ganz ruhig.

Aus dem Haus gegenüber trat Eugene Binder heraus, ein sehr nobel aussehender Mann mit grauen Haaren und Sonnenbrille. Er überquerte die Straße zu ihnen herüber. Seine Füße steckten in Slippern aus dünnem Leder und er hatte seinen Übergangsmantel nur über die Schultern drapiert.

„Mann“, sagte er schroff zum Großvater, „das war ja hochgradigst fahrlässig, wie Sie die Straße überquert haben. Und dann auch noch mit einem Kind. Da ist man doch verantwortungsbewusster.“ – „Ja, mein Herr“, antwortete der Großvater, „Sie haben recht, das war sehr unüberlegt von mir. Ich hätte es nicht überlebt, wenn dem Kleinen etwas zugestoßen wäre.“

Binder baute sich jetzt vor der Bank auf und stieß die Hände in den Hosentaschen nach vorn, während er den Rücken für den nächsten Angriff nach hinten legte. „Wenn der Fahrer des Wagens nur einen Tick unachtsamer gewesen wäre, dann…“ Er suchte nach der geeigneten Schreckensalternative, ließ dann aber den Satz ausklingen.

„Wir haben echtes Glück gehabt“, meinte der Großvater und strich Jacky über den Kopf. „Sie haben Ihren Enkel sehenden Auges in Gefahr gebracht“, hakte Binder noch ein. „Jetzt ist es gut“, warnte der Großvater und wollte aufstehen. Sein Gehstock, der durch den Schlag auf die Motorhaube angeknackst war, brach entzwei und der Großvater sank wieder auf die Bank.

„Wie konnten die Eltern Sie bloß mit dem Kind alleine lassen“, hob Binder nochmals an. Jetzt riss dem Großvater die Geduld. „Hauen Sie ab, machen Sie sich vom Acker!“ Der kleine Junge hatte wieder angefangen zu weinen und sein Großvater tätschelte ihm die Wangen. „Da“, sagte er, „nicht mehr weinen. Du musst nach Hause laufen, dein Vater muss mich hier abholen. Ohne Stock kann dein Großvater nicht gehen.“ Der kleine Junge lief los.

„Alleine ist er auf jeden Fall sicherer als mit Ihnen“, stänkerte der noble Herr und überquerte die Straße zurück zu seinem Haus. Der Großvater schleuderte ihm zuerst eine Hälfte des gebrochenen Spazierstocks nach, und dann die andere. Binder winkte ab, setzte sich in seinen Wagen und fuhr weg.

Advertisements