(165) Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde…

von Alain Fux

Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde, um die Wellen doch noch etwas aufzukräuseln. Elfriede König nippte an ihrem Champagnercocktail und ließ ihren Blick über die Reling von Deck 12 der ‚Sea Empire‘ auf das glatte Meer schweifen.

Nach seiner wundersamen Errettung aus der gekenterten Nordmark hatte Hein König auf Bitten Elfriedes die aktive Seefahrt an den Nagel gehängt und bei einer Schiffswerft angefangen. Langsam, mit Fleiß und guten Ideen, hatte er sich hochgearbeitet, zuerst zum Projektchef, dann zum Gesamtproduktionsleiter. Als einer der ersten setzte er das weitestmögliche Outsourcing von Bauarbeiten um und steigerte dadurch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens enorm. So war es keine Überraschung, dass er die Unternehmensleitung übernahm, als der Besitzer sich zur Ruhe setzte.

Da Kreuzfahrtschiffe die Spezialität der Werft waren, kam Elfriede in den Genuss, an allen Jungfernfahrten dieser Schiffe teilzunehmen, und das auch noch meistens in der Owner’s Suite. Sie hatte auch viel Zeit dazu. Kinder hatten sie keine, da Hein bei dem Schiffsuntergang eingeklemmt und dadurch zeugungsunfähig geworden war.

In drei Tagen würde das Schiff wieder in Miami anlegen und Elfriede würde zurück nach Hause fliegen. Und dann würde man sehen. Es war ja nicht so, als ob sie große Verpflichtungen hätte. Manchmal überlegte sie sich, was aus ihr geworden wäre, wenn Hein damals umgekommen wäre. Sie hätte viel mehr kämpfen müssen in ihrem Leben und vielleicht wäre es ein größeres Abenteuer geworden.

Elfriede blickte auf die Uhr. Sie musste los zu ihrem Friseurtermin auf Deck 10. Sie reichte dem Barmann ihre Bordkarte und verstaute das ungelesene Buch in ihrer Strandtasche.

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