Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: August, 2015

(189) Leube stellte das Glas mit dem frischgepressten Orangensaft auf das Tablett.

Leube stellte das Glas mit dem frischgepressten Orangensaft auf das Tablett, überprüfte noch einmal, ob er alles hatte und trug das Tablett ins Schlafzimmer zurück. Er sah, dass Gloria ihm mit einem Auge zuschaute. Er ließ sich aber nichts anmerken, sondern stellte das Tablett auf den Boden neben das Bett. Dann küsste er sie und sie schlug die Augen ganz auf.

„Guten Morgen, Liebste“, sagte er und küsste sie nochmal. „Guten Morgen“, hauchte sie zurück. „Du warst schon fleißig. Warum habe ich es nicht jeden Morgen so gut?“ – „Ich wollte, ich könnte dir das jeden Tag anbieten“, antwortete Christian und zog die Vorhänge zurück. Als er bemerkte, dass die Sonne sie blendete, zog er eine Vorhanghälfte wieder halb zu. Sie frühstückten im Bett und angeregt vom Kaffee hatten sie danach Sex. Anschließend lagen sie träge umschlungen auf dem Bett.

„Wie lange kannst du diesmal bleiben“, fragte sie in die Stille des Raums. Als er nicht gleich antwortete, richtete sie sich auf und knuffte ihn. „Das ist wieder nur so ein kurzer Moment, ich ahne es schon. Das ist einfach schrecklich.“ – „Es tut mir leid. Am Mittwoch muss ich wieder weg. Die Ausbildung läuft gut, ich werde mit ziemlicher Sicherheit in den Kreis der Auserwählten kommen.“ – „Ich dachte, ich wäre deine Auserwählte“, hielt sie ihm entgegen. „Das bist du auch“, antwortete er. „Ich muss am Mittwoch nach Russland fliegen, nach Swjosdny Gorodok. Das dürfen nur die Besten.“ – „Wie lange?“ – „Sechs Monate, vielleicht länger…“ Gloria antwortete nicht. Er wartete auf eine Reaktion. Er berührte sie an der Schulter. Sie stand auf, ging ins Bad und schloss die Tür hinter sich zu. Von drinnen hörte er nichts. Er seufzte.

Christian sammelte das schmutzige Geschirr auf das Tablett und trug es zurück in die Küche. Er fing an, alles in den Geschirrspüler zu räumen, als er hörte, dass die Badezimmertür aufging und Gloria herauskam. Sie fand ihn in der Küche, sagte kein Wort, sondern legte ihm nur einen Teststreifen mit zwei roten Linien auf die Arbeitsplatte über dem Geschirrspüler. Dann ging sie wieder hinaus.

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(188) Heute war der Schwimmtest angesagt.

Heute war der Schwimmtest angesagt. Leube und drei andere Kandidaten mussten in vollem Raumanzug mit Turnschuhen drei Längen im 25m-Schwimmbecken zurücklegen.

Leube zog die einzelnen Teile des Raumanzugs an und versuchte, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren. Schwimmen war nicht seine Stärke und als man ihn bei der Bewerbung danach gefragt hatte, hatte er geantwortet, dass er ja Astronaut werden wolle und nicht Aquanaut. Aber so waren die Regeln.

Der Anzug wog über 40 Kilo und allein der Weg aus dem Ankleideraum bis zum Becken war eine Kraftprobe. Die anderen drei gingen vor ihm her. Leube fand, dass sie aussahen wie Pinguine. Einer nach dem anderen kletterte rückwärts an der Leiter hinunter ins Wasser. Als er die Leiter losließ, war es ihm, als ob ihn jemand nach unten zöge. Er ruderte zu der Ausgangsposition, es war besser, schneller zu starten, denn auch das Paddeln an einer Stelle war sehr anstrengend.

Der Ausbilder mit der Stoppuhr senkte den Arm und die vier Kandidaten schwammen los. Leube versuchte, Bewegungen und Atmung zu koordinieren und die Intervalle gleichmäßig zu halten. Langsam machte er Fortschritte, noch zwei Schläge, jetzt hatte er das erste Drittel hinter sich gebracht. Der Anzug bremste ihn gewaltig und die Schuhe an den Füßen waren keine Hilfe.

Im Kopf summte er ständig eine Melodie und zählte dabei bis acht. Es war die gleiche Methode, mit der er auch Dauerläufe überstand. Und dies hier war kein Dauerlauf, sondern es waren nur lächerliche 75 Meter. Er versuchte, sich auf das Zählen zu konzentrieren. Die Muskeln fingen an, schwerer zu werden. Jetzt hatte er das zweite Drittel der Gesamtstrecke geschafft. Schwerfällig wie eine Schildkröte wendete er. Er stellte sich vor, hoch oben neben der Weltraumstation im Weltraum zu schwimmen, unter ihm die ganze Pracht der Erde. Eine Bewegung nach der anderen. Er summte ständig wieder die gleichen Takte. Er spürte seine Beine nicht mehr, seine Arme auch nicht. Immer weiter, sagte er sich. Dann berührte ihn eine Hand am Arm. Sie hielt ihn fest. Er war angekommen. Er griff nach dem Metallstab in der Beckenwand und hielt sich fest. Dann wurde ihm dunkel vor den Augen und ein Betreuer sprang ins Wasser, um ihn am Untergehen zu hindern. Der Astronaut hatte es geschafft.

(187) Das Häuschen von Floras Familie war auf einer kleinen Anhöhe…

Das Häuschen von Floras Familie war auf einer kleinen Anhöhe gelegen, an die sich ein Wald schmiegte. In der Ferne erkannte man den Kirchturm des nahen Dorfes. Es war sehr ruhig, nur das Bimmeln der Kuhglocken war zu vernehmen. Damit hatte Dina kein Problem. Sie war seit zwei Tagen dort und hatte bereits gute Fortschritte mit dem Biochemie-Stoff gemacht. Die Lust am Lernen war zurückgekehrt. Noch hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, wie ihr Studium weitergehen sollte, denn sie konnte ja nicht immer nur auf dem Land lernen. Dieser Frage würde sie sich nach der Klausur stellen.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Knall über ihr. Sie schreckte hoch. Zuerst dachte sie, dass sie sich verhört habe, aber dann nahm sie Fußtritte über sich wahr. Sie erstarrte. Das musste Einbildung sein. Über ihr war nichts, sie war allein. Es war, als ob die Energie der beiden letzten Tage mit einem Mal verflog. Sie trat hinaus vor das Häuschen.

Als sie sich umdrehte, um auf das Dach zu schauen, erblickte sie einen Menschen mit Helm und orangefarbenen Overall auf dem Dachfirst, der mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht hielt. Sie drehte sich weg. Sie war übergeschnappt, sie hatte einen weiteren Nervenzusammenbruch, diesmal sogar mit Halluzinationen. Dann schaute sie noch einmal hin. Das Wesen stand weiterhin da oben. Es sah aus wie ein Außerirdischer.

„Hallo?“, rief Dina zögerlich. Das Wesen wandte den Kopf nach unten, bemerkte sie und hob die Hand zum Winken. Mit der anderen hob es das Visier des Helms hoch und dahinter kamen freundliche Augen zum Vorschein. „Hallo, hallo“, rief eine Männerstimme zurück. „Gottseidank, es gibt Leben da unten. Hätten Sie vielleicht eine Leiter, damit ich vom Dach runter kann?“

Dina fand eine Leiter in der Scheune und setzte sie an die Dachtraufe. Der Mann stieg vorsichtig herunter. Er stellte sich vor: „Christian Leube, Astronaut.“ Dina war erleichtert zu hören, dass er gerade einen Absprung mit dem Fallschirm hinter sich hatte und der Wind ihn abgetrieben hatte. Leube befand sich in der Astronautenausbildung und Fallschirmspringen gehörte dazu. Er entschuldigte sich, dass er ihr einen Schrecken eingejagt hatte. Zusammen rollten sie den Fallschirm ein, der auf der anderen Seite des Häuschens lag. Inzwischen waren auch zwei Soldaten mit einem Jeep vorgefahren und nahmen Leube wieder mit. Dina stand auf der Anhöhe und winkte ihm nach, bis der Wagen in einer Kurve verschwand.

(186) Dina legte ihr Mobiltelefon auf den Schreibtisch.

Dina legte ihr Mobiltelefon auf den Schreibtisch. Sie schaute aus dem Fenster nach unten auf den dichten Verkehr, der sich vorbeischlängelte, hupte, bremste und beim Beschleunigen wieder hupte. Es war sehr stickig in ihrem Zimmer, aber bei geöffnetem Fenster war an Konzentration überhaupt nicht zu denken. Sie bereitete sich auf eine Klausur vor und beschäftigte sich mit dem Membrantransport von Proteinen. Besonders bei den Rezeptoren hatte sie große Schwierigkeiten sich die Namen zu merken. Jedes Mal wenn sie glaubte, auf einem guten Weg zu sein, gab es draußen einen Knall, ein Scheppern, ein Hupen oder sonst etwas, das sie aus dem Konzept brachte. Abends, wenn der Verkehr sich beruhigt hatte, waren es die Fußtritte des Mieters über ihr, die sie ständig störten. Oder es waren die laute Musik und das Lachen. Schlimm waren auch Sexgeräusche.

Natürlich hatte sie es mit Ohrstöpseln versucht, aber damit schienen ihre Gedanken zu blockieren. Sie zog die Pfropfen wieder heraus. Sie hatte bereits zwei Klausuren nicht geschafft, aus denselben Gründen. Ihrem Vater hatte sie davon nichts erzählt. Langsam verließ sie die Kraft, sich jedes Mal aufs Neue an den Schreibtisch zu setzen und Bücher aufzuschlagen, deren Inhalt sie sich nicht merken konnte. Über ihr, ein Schlag. Es schien, als ob die Decke zitterte. Sie schmiss das Buch auf den Tisch, riss die Tür auf und lief über die Treppe ein Stockwerk höher. Sie klopfte fest an die Tür des Zimmers über ihr. Niemand öffnete. Sie klopfte stärker, nahm die Fäuste zu Hilfe und fing an, lautstark zu schimpfen. Es geschah nichts, aber es war ihr, als ob hinter jeder Tür jemand sein Auge an den Türspion presste und ihr dabei zusah, wie sie einen Affen aus sich machte. Sie hörte auf, gegen die Tür zu hämmern und sank heulend nieder.

Am Abend hatte sie Besuch von Flora, einer Kommilitonin. Sie war die Einzige, mit der Dina in der neuen Stadt Freundschaft geschlossen hatte. Vielleicht auch, weil sie die einzigen Frauen in der Studiengruppe waren. Von anderen Studenten im  Wohnheim hatte Flora bereits von Dinas Zusammenbruch gehört. „Warum ziehst Du nicht für ein paar Tage in das Wochenendhaus meiner Familie“, schlug Flora vor. „Da kannst du dich in aller Ruhe auf die Klausur vorbereiten. Es ist sehr ruhig und du gewinnst bestimmt wieder Energie.“ Nach einigem Zureden willigte Dina ein, Flora gab ihr eine Wegbeschreibung und den Schlüssel des Häuschens.

(185) Dr. Guse zog das Laken über den Kopf der Patientin.

Dr. Guse zog das Laken über den Kopf der Patientin. Eine Schwester schaltete den monoton fiependen EKG-Monitor aus. Das Baby hatte er retten können, aber die Mutter war an Atemstillstand gestorben. Sie hatten ihr das Magnesium, das die Krämpfe lindern sollte, zu schnell gegeben und er wusste, dass das auch sein Versagen war.

Der Auftritt von Prof. Sommerfeld war bestimmt ein weiterer Grund für den Fehler, aber das hätte nicht passieren dürfen. Er zog sich die Handschuhe von den Händen. Eine Schwester half ihm aus dem Kittel. Wortlos verließ er den OP-Saal und ging wie in Trance durch die Gänge in sein Büro. Falls ihn jemand auf dem Weg angesprochen hatte, merkte er es nicht.

Dr. Guse setzte sich hin und stützte seinen Kopf auf die Hände. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass eine Patientin während einer OP verstorben war. Aber zum einen wäre der Fehler hier leicht vermeidbar gewesen. Zum anderen hatte die Patientin ihn an seine Tochter erinnert. Vielleicht war das auch der Grund, warum er sofort eingesprungen war, als Prof. Sommerfeld nicht auftauchte. Die Patientin hatte genau die gleiche Nase gehabt wie Dina. Es hätte auch seine Tochter treffen können. So war es die Tochter von anderen Eltern.

Er hatte plötzlich ein großes Verlangen danach, die Stimme seiner Tochter zu hören und sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Er griff zum Hörer und wählte ihre Nummer. Nach ein paar Klingeltönen hatte er sie in der Leitung.

„Hallo, Dina. Wie geht es dir?“ – „Es geht mir gut. Was machst du?“ – „Ich habe gerade etwas Zeit zwischen zwei Terminen und wollte deine Stimme hören. Was machst du?“ – „Ich versuche zu lernen, aber es ist so laut hier, dass ich mich nur schwer konzentrieren kann.“ – „Das tut mir leid. Und es geht dir wirklich gut?“ – „Ja, Papa. Wie geht es dir denn? Was macht die Kunst?“ – „Ha“, machte er kurz, „es ist bestenfalls Kunsthandwerk. Meistens nicht besser als das, was ein Dorfmetzger so macht. Es ist schön, zu hören, dass es dir gut geht.“ – „Danke, dass du mich angerufen hast. Viel Spaß beim Metzgern.“

Dr. Guse legte den Hörer nieder, atmete tief ein und wieder aus. Dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, mit den Hinterbliebenen der Toten zu sprechen. Er biss sich auf die Unterlippe und eilte zurück zum OP.

(184) Prof. Arnold Sommerfeld hatte auch diese Nacht schlecht geschlafen.

Prof. Arnold Sommerfeld hatte auch diese Nacht schlecht geschlafen. Erst am frühen Morgen waren ihm die Augen zugefallen und kurz darauf klingelte der Wecker. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, sich vom Bett ins Bad zu wälzen und die üblichen Rituale zu vollführen.

Etwas später steuerte er seinen Wagen aus der Tiefgarage auf die Straße. Bereits die erste Verkehrsampel, auf die er zufuhr, sprang auf rot, als ob sie es absichtlich täte. Sommerfeld fühlte, dass ihn das noch weiter auslaugte. Er brachte den Wagen zum Stehen und sah aus dem Seitenfenster. Dort, auf der Verkehrsinsel, standen große rote Blumen und er hatte den Eindruck, dass sie ihn anstarrten. Er schaute weg, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er musste wieder auf die Verkehrsinsel schauen und hakte sich mit seinem Blick fest in den Blüten des blutroten Storchschnabels. Lautes Hupen ließ ihn plötzlich hochfahren. Prof. Sommerfeld fuhr los und war in Gedanken noch bei den Blüten.

Er erreichte das Krankenhaus viel zu spät. Die Gebärende, deren Kind er heute per Kaiserschnitt zur Welt bringen sollte, war bereits im Operationssaal und ein Kollege war für ihn eingesprungen. Empört reinigte er sich, streifte die OP-Kluft über, ließ sich Handschuhe anziehen und stürmte in den OP. Der Kollege, Dr. Guse, wollte ihm erklären, dass es Komplikationen gebe und die Geburt bereits begonnen habe. Die Patientin habe Krämpfe und die Plazenta habe angefangen zu bluten.

Prof. Sommerfeld fing an zu schreien: „Warum hat mich keiner gerufen? Es ist meine Patientin, ich kenne sie am Besten. Und wer hat diese scheußlichen roten Blumen gepflanzt? Das ist eine Verschwörung!“ Die OP-Schwestern, die sich um die Patientin kümmerten, schauten alarmiert auf. Dr. Guse versuchte, Prof. Sommerfeld zu beruhigen, als dieser ihn ohrfeigte und dadurch seine OP-Maske vom Gesicht fegte. Eine Schwester lief hinaus, um Hilfe zu holen. Die anderen kümmerten sich weiter um die Patientin, die Schaum vor dem Mund hatte, und injizierten ihr Magnesium. Prof. Sommerfeld tobte weiter und redete ständig von den Blumen, die man ihm eingepflanzt habe. Schließlich kamen zwei kräftige Pfleger, nahmen ihn in den Polizeigriff und führten ihn hinaus.

(183) Jeder mit einer Tasse dampfenden Tees in der Hand saßen die vier Guerillagärtner in Jens‘ Geräteschuppen.

Jeder mit einer Tasse dampfenden Tees in der Hand saßen die vier Guerillagärtner in Jens‘ Geräteschuppen. Das Licht der Glühbirne warf bizarre Schatten der unter der Decke aufgehängten Rechen, Hacken und Schaufeln auf die Gesichter.

„Das war richtig so“, bestätigte Ulla, „wir waren da fehl am Platz. Ja, wir wollen den urbanen Raum wieder erobern, aber nicht so.“ – „Es gibt genügend herrenlose Orte, die man instand setzen kann. Ich brauche mich dafür nicht am Besitz anderer zu vergreifen“, bestärkte sie Vicki. „Was meinst du, Patrick“, fragte Jens. „Mir geht das Gequatsche auf den Zeiger“, antwortete Patrick barsch. „Kommt, lasst uns etwas pflanzen gehen. Dafür sind wir doch zusammen.“

Das fanden auch die anderen eine gute Idee. Sie wählten ihre Geräte aus, nahmen zwei Paletten mit blutrotem Storchschnabel und Fetthennen sowie einen Sack mit Mutterboden und machten sich auf den Weg.

Ihr Ziel war eine Verkehrsinsel in der Mitte einer viel befahrenen Straße. Etwas Unkraut wucherte in der staubig trockenen, harten Erde. Sonst lagen da nur Hamburgerpapier, Hundekottüten oder anderer Abfall. Sie sammelten zuerst den Müll ein. Dann lockerten sie die Erde und gaben weiteren Mutterboden dazu. Schließlich setzten sie die Pflanzen in ausgestochene Löcher in die Erde und gossen sie.

Ulla stand am Straßenrand und passte auf, dass niemand sich näherte, der sie an ihrem Plan hindern konnte. Es gab aber nur die üblichen Reaktionen von Autofahrern: Entweder merkten sie gar nichts, schauten nur tumbe herüber oder aber reckten begeistert den Daumen. Mehrere Anwohner kamen und erkundigten sich, was denn dort vor sich gehe. Ulla erklärte, dass es darum ginge, mehr Grün in die Stadt zu bringen. Einer der Nachbarn versprach, die Pflanzen auch mal zu gießen. Ulla glaubte ihm nicht, bedankte sich aber trotzdem. Ein anderer wollte mitmachen und Ulla gab ihm eine Internet-Adresse. Nach einer halben Stunde war die Aktion beendet und die vier standen zusammen und betrachteten zufrieden ihr Werk.

(182) Hallo, Herr Herold. Die Lage ist geklärt.

„Hallo, Herr Herold. Die Lage ist geklärt. Wir haben den Einbrecher festgenommen. Es war einer der Hausbesetzer von nebenan. Kam übers Dach und dann durch die Balkontür. Die Alarmanlage hat sehr gut funktioniert. Die Tür werde ich reparieren lassen. Ich schlage vor, einen Stahlrollladen auf dem Balkon zu installieren… Ja, werde ich veranlassen. Ihnen noch einen schönen Urlaub.“ Schilling trat auf den Balkon hinaus und blickte zu dem Haus mit den leeren Fensterhöhlen hinüber. An mehreren Stellen ersetzten Plastikplanen die herausgerissenen Fenster.

Dahinter diskutierte eine Gruppe von Hausbesetzern die neue Lage. „Dennis wurde im Streifenwagen weggebracht“, erklärte Jens. „Es ist möglich, dass wir heute Nacht noch Besuch von der Bereitschaftspolizei bekommen.“ – „Das war eine superbescheuerte Idee“, platzte Tia heraus, „wir sind nicht hier, um die Klos der Reichen zu stürmen, sondern um die Reichen in ihren Klos hinunter zu spülen. Was für ein Weichei. Aber gut, wir haben den Kampf erwartet, jetzt werden wir ihn durchstehen. Wir müssen zuerst die Dächer sichern, um zu vermeiden, dass die Bullen von dort ´reinkommen. Das übernimmt Gruppe 1. Gruppe 2 nimmt sich die Eingänge nach vorne und hinten vor und verbarrikadiert sie wie geplant. Vergesst den Keller nicht. Gruppe 3: Verteidigung nach vorne, Gruppe 4 nach hinten. Gruppe 5…“ – „Gruppe 4 macht nicht weiter mit“, unterbrach sie Jens. „Gewalt ist nicht unser Ding.“

„Ach, die Gärtner“, höhnte Tia, „wenn es darum geht, von Utopien zu träumen, seid ihr dabei. Aber wenn ihr kämpfen sollt, dann zieht ihr den Schwanz ein. Veränderungen kommen nicht dadurch, dass man Grünzeug verpflanzt, sondern dass man auch bereit ist, Opfer zu bringen.“ – „Tut mir leid, Tia“, entgegnete ihr Vicki und stellte sich neben Jens, „nicht jeder ist dafür geschaffen. Wir wünschen euch viel Glück.“

Die vier Mitglieder von Gruppe 4 (Jens, Vicki, Ulla und Patrick) nahmen ihre Sachen und verließen das besetzte Haus. „Fahren wir erst einmal zu mir“, schlug Jens vor.

(181) Als Herr Schilling an der Wohnungstür eintraf…

Als Herr Schilling an der Wohnungstür eintraf, warteten die beiden Streifenbeamten bereits im Treppenhaus auf ihn. Sie gingen ein Stockwerk tiefer und besprachen kurz den Einsatz. Schilling erklärte den Aufbau der Alarmanlage und den Schnitt der Wohnung. Die Polizisten drängten darauf, dass er ihnen den Wohnungsschlüssel aushändigte und sie zuerst hinein gingen. Das Türschloss sah von außen intakt aus. Leise schloss ein Polizist die Wohnung auf und stieß die Tür sachte auf, durch die sein Kollege, die Pistole im Anschlag, hinein glitt. Der erste Polizist folgte ihm, ebenfalls mit der Waffe in der Hand. Schilling blieb vor der Tür stehen und versuchte, in die Wohnung hinein zu horchen. Er hatte die Installation der Alarmanlage selbst beaufsichtigt und hoffte, dass es nicht nur ein falscher Alarm war.

Als er von innen Schreie hörte, lächelte er gespannt.

Kurz darauf wurde im Flur der Wohnung das Licht angemacht und einer der Polizisten bat ihn herein. Bei ihrem Rundgang hatten sie zuerst festgestellt, dass die Terrassentür aufgehebelt war und dann, dass ein junger Mann auf dem Klo saß und schlief. Als sie ihn anriefen, war er so erschrocken, dass er aufsprang, sich in der heruntergelassenen Hose verhedderte und der Länge nach auf den Marmorboden schlug. Er blutete an der Stirn und machte einen etwas benommenen Eindruck.

Bei der Befragung stellte sich heraus, dass der junge Mann Dennis Arnold hieß und zu den Hausbesetzern nebenan gehörte. Er hatte an mehreren Abenden beobachtet, dass die Wohnung der Herolds leer stand. Die Hygieneverhältnisse nebenan ließen sehr zu wünschen übrig, da das Haus zum Entkernen vorbereitet war. Entsprechend groß war Dennis‘ Wunsch, ein sauberes Klo und eine funktionierende Dusche zu benutzen. Über das Dach konnte er sich auf die Dachterrasse von Herolds Wohnung herablassen und die Außentür war leicht zu knacken gewesen.

Dennis sagte, er habe noch nie ein so traumhaft angenehmes Klo benutzt. Sogar die Brille war beheizt und da er übermüdet war, hatte ihn der Schlaf auf dem Klo übermannt. Die Polizisten mussten sehr lachen, als der Einbrecher behauptete, seine Tat sei höchstens ein Fall von Mundraub gewesen.

(180) Das Motorboot hatte gerade das Ende der Mole erreicht…

Das Motorboot hatte gerade das Ende der Mole erreicht und steuerte auf das offene Meer zu. Hiltraud Herold lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss die frische Brise. Günthers Mobiltelefon klingelte. Noch bevor sie ihr Missfallen kundtun konnte, hatte Günther den Gashebel zurückgenommen und das Telefon aufgeklappt.

Zuerst hörte er zu, sagte dann: „Am helllichten Tag! Sind Sie sicher?“ und „Das ist gut so. Hören Sie, ich möchte, dass Sie selbst auch dahin gehen und nachschauen. Die Polizei ist dafür nicht ausreichend. Schauen Sie sich um, Sie haben meine volle Unterstützung. Ich wünsche, dass Sie mich über alle Entwicklungen sofort auf dem Laufenden halten. Ja, ich bin erreichbar.“ Günther legte das Telefon hin und kurbelte am Steuerrad, um das Boot zu wenden.

„Es tut mir leid, Hilli, aber wir können noch nicht aus dem Hafen ‘raus. Ich muss erreichbar bleiben. Es ist jemand bei uns Zuhause eingebrochen.“ Hiltraud befragte ihn nach weiteren Einzelheiten. Er konnte ihr aber nur sagen, was sein Werkschutzleiter ihm gerade mitgeteilt hatte. Es war ein Alarmsignal eingegangen und der Werksschutz hatte bereits die Polizei verständigt, so wie es vorgesehen war. Eine Streife war unterwegs. „Das ist dieses Viertel. Wir hätten nicht dahin ziehen sollen, es ist noch nicht soweit.“ – „Unsinn“, antwortete er, „das Viertel ist in Ordnung, das ist doch nicht die Dritte Welt. Außerdem ist das Haus gesichert, und unsere Wohnung erst recht.“ – „Und warum wurde eingebrochen?“ – „Es könnte etwas mit Leuten zu tun haben, die ein Problem mit Geflügelzucht haben. Wer würde sonst am helllichten Tag bei uns einbrechen? Das ist kein normaler Einbrecher. Und deshalb habe ich auch den Werksschutz dorthin geschickt. Vielleicht ist es ja auch nur ein falscher Alarm. Wir werden es bald wissen, Schilling ruft mich sofort an, wenn er etwas weiß. Bis dahin bleiben wir erst einmal im Hafen.“