(157) Lena Wegener alias Lenny Walther stieg aus dem Mietwagen…

von Alain Fux

Lena Wegener alias Lenny Walther stieg aus dem Mietwagen und schloss die Haustür auf. Es roch miefig und als Erstes riss sie die Fenster auf, um die trockenkalte Wüstenluft hereinzulassen. Jedes Mal kam sie mit gemischten Erwartungen nach Chile ins Observatorium. Auf der Plusseite: eine Woche Ruhe, um komplizierte Dinge zu planen. Auf der Minusseite: eine Woche mit Alfred. Aber die Tarnung war einfach zu gut, um sie aufzugeben.

Als Ehefrau eines Professors der Astrophysik hatte sie eine perfekte Legende. Alfreds Motivation war es, eine attraktive Frau vorweisen zu können, die ihn aber sonst völlig in Ruhe ließ. Sie trafen sich drei Mal im Jahr: zwei Mal für je eine Woche im Observatorium und ein Mal, als besonderen Bonus für Alfred, bei einem Kongress der Astrophysik irgendwo auf der Welt. Sie bildeten eine reine Zweckgemeinschaft. Alfred bemühte sich um seine Außerirdischen, die mit ihm per farblicher Nuancierung der Rotverschiebung kommunizierten und sie hatte die Waffen, beziehungsweise den Handel damit.

Wenn ein Geschäftspartner sie fragte: „Wie kommt eine so schöne Frau wie Sie zum Waffenhandel?“, antwortete sie: „Ich war jung und ich brauchte das Geld.“ Niemand glaubte ihr, aber es war wirklich so gewesen.

Lena hatte einige Zeit als wohlbezahltes Escort-Girl gearbeitet. Einer ihrer wichtigsten Kunden, und bald der einzige, war ein alter, mit allen Wassern gewaschener Waffenhändler namens Lenny Walther. Sie diente ihm anfangs als erotisches Accessoire bei Deals und lernte nach und nach die Branche, ihre Usancen und Möglichkeiten kennen. Schließlich machte Lenny sie zu seinem Kompagnon und baute sie zu seiner Nachfolgerin auf. Als Lenny an einem Herzinfarkt starb, führte sie die Geschäfte unter seinem Namen weiter. Es hätte dem alten Haudegen sicher gefallen, dass er damit unsterblich wurde.

Alfred ahnte nichts von Lenas Geschäften, er hätte sie auch nicht verstanden. Für ihn war seine Frau eine kunstinteressierte Globetrotterin mit viel Geschick bei Börsengeschäften, die aber intellektuell nicht in der Lage war, selbst die simpelsten astrophysischen Konzepte zu begreifen. Aber immerhin, er hatte die attraktivste Ehefrau, die ein Professor der Astrophysik jemals haben würde.

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