(149) Eine Straßenkreuzung in Chicago inmitten von Hochhäusern.

von Alain Fux

Eine Straßenkreuzung in Chicago inmitten von Hochhäusern. Autos brausten im Rhythmus der Verkehrsampeln abwechselnd hin und her. An einer Ecke stand ein Mann, der eine dünne Eisenstange senkrecht in der Hand hielt. Darauf war oben ein Schild befestigt, mit der Aufschrift ‚FBI Agent Chris Saviano: Stop raping my wife!‘ Der Mann mit der Stange hatte ein sehr gepflegtes Aussehen. Er trug einen ordentlichen Anzug, polierte Schuhe und eine Krawatte. Seine Haare waren kurz, seine Wangen glatt und seine Fingernägel sorgfältig geschnitten. Sein Gesichtsausdruck war neutral, so als sollte er jemanden darstellen, der mit einem neutralen Gesichtsausdruck auf den Bus wartete.

Regelmäßig blieben Passanten stehen, nicht nur, weil sie auf das Fußgängergrün warteten, sondern auch, weil sie sich das Schild und dann den Mann ansahen. Von Zeit zu Zeit stellten sich Touristen neben ihn und ließen sich von ihren Freunden mit dem Mann fotografieren. Es schien ihn nicht zu interessieren. Er stand da und mit seinem Stab teilte er die Flut der Fußgänger in solche, die nach Westen wollten und in solche, die es nach Norden zog.

Ein Passant blieb neben dem Mann mit dem Schild stehen und fragte: „Sie sind Farhad?“ – „Ja.“ – „Kennen Sie Chris Saviano persönlich?“ Farhad starrte vor sich hin. „Warten Sie hier auf ihn? Ich möchte ihn auch sehen. Er hat mich um meinen Job gebracht.“ Farhad blickte auf und in seinen Augen konnte man Mitgefühl sehen. „Er wird kommen“, sagte er mit fester Stimme.

„Wie lange warten Sie bereits?“, fragte der Mann Farhad. „Sehr lange und doch habe ich gerade erst begonnen.“ – „Kann ich das Schild für Sie halten?“, bot der Mann an und streckte seine Hand nach der Stange aus. „Nein“, beschied Farhad, „Sie brauchen Ihr eigenes Schild. Keiner darf das Schild des anderen halten.“ – „Sie haben mir Erleuchtung gebracht“, sagte der Mann mit bewegter Stimme.

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