(145) Er kann es sein. Vom Alter her ist es möglich.

von Alain Fux

„Er kann es sein. Vom Alter her ist es möglich“, flüsterte Else Fendler, obwohl man sie durch das geschlossene Fenster draußen nicht hören konnte. „Was macht er da, warum steht er da angelehnt an das Haus? Ist ihm schlecht?“, flüsterte ihr Ehemann Karlheinz zurück. „Wir sollten die Polizei rufen.“ – „Warum geht er nicht einfach wieder? Es ist alles verjährt, er war ja auch noch minderjährig.“ – „Ich habe Angst. Was ist, wenn er auch zu uns kommt, und uns mit einem Krocket-Schläger umbringt? Der ist doch nicht normal. Ich rufe die Polizei. Die Nachbarn sind im Urlaub, die können es nicht. Wir müssen was tun.“

Sie trat in den Flur und er hörte, wie sie den Hörer abnahm, die 110 wählte und aufgeregt von ihren Beobachtungen erzählte. Karlheinz Fendler ließ Erwin nicht aus den Augen.

Die Erinnerungen von vor 20 Jahren stiegen wieder in ihm auf. Die Straße war voller blinkender Polizeiwagen gewesen. Krankenwagen standen da und fuhren wieder weg, um den beiden Leichenwagen Platz zu machen. Else hatte die Eltern gefunden und noch Jahre später davon Albträume gehabt. Er hatte Elses Schrei gehört und war zu ihr hingelaufen.

Erwin hatte seinen Eltern Krocketbälle in den Mund gestopft und sie in den Garten geschleppt. Mit Krockettoren um den Hals hatte er sie wie aufgespießte Käfer am Boden fixiert und ihnen dann mit dem Krocketschläger den Kopf eingeschlagen. Karlheinz hatte sich übergeben müssen, direkt daneben in die Büsche. Als sie wieder dazu in der Lage waren, hatten sie die Polizei gerufen.

Erwin hatte man nicht erwischt. Niemand wusste etwas. Manche behaupteten, er habe sich selbst gerichtet, andere sagten, dass er zur französischen Fremdenlegion gegangen sei. Und jetzt war er zurück und lehnte sich an sein Elternhaus.

Else kehrte zurück und flüsterte: „Sie sind unterwegs.“

Als sie beide wieder hinter der Gardine aus dem Fenster schauten, trat Erwin einen Schritt zurück, schaute noch einmal am Haus hoch und ging langsam die Straße hinunter. Karlheinz wollte Else zurück halten, aber sie war schneller. Sie lief aus dem Haus, ihr Gerechtigkeitssinn oder ihre Rachegelüste trieben sie.

„Halt“, schrie sie ihm nach, „Haltet den Mörder!“ Es war sonst niemand auf der Straße. Erwin blieb kurz stehen und sprintete dann los. Am Ende der Straße sprang er in den Graben und dann sah Else noch, wie er den Abhang hochlief, in den Wald hinein.

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