(142) Ich habe ihn über ein Dating-Netzwerk kennen gelernt.

von Alain Fux

„Ich habe ihn über ein Dating-Netzwerk kennen gelernt“, erklärte Alexandra. „Ich wollte einfach mal einen Mann treffen, der nicht im gleichen Unternehmen arbeitet oder mit Freunden von Freunden befreundet ist. Ich wollte etwas Neues.“ – „Und dann?“, fragte Bianca.

Alexandra, ihre Schwester, hatte einen knapp 40-jährigen Mann kontaktiert, der ihr interessant vorkam. Er hatte viele Jahre im Ausland verbracht und war erst vor kurzem wieder zurück nach Deutschland gekommen. Er hatte hier keine Bekannten mehr und war, so sagte er, daran interessiert, einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Er hatte ein angenehm kantiges Gesicht, fand Alexandra, die sonst nur Männern kannte, die eher puddingähnlich waren. Bei Erwin war das anders.

Sie traf ihn eines Sonntagnachmittags draußen in einem Café. Als sie auf ihn zukam, stand er auf und lächelte sie an. Seine Zähne waren makellos. Er war schmaler und muskulöser, als sie es sich vorgestellt hatte. Sein Händedruck fühlte sich trocken und fest an. Seine Haare hätten für ihren Geschmack etwas länger sein können, aber das ließ sich ändern. Er war sehr zuvorkommend. Das Gespräch bestätigte sie darin, dass sie aus ihren alten Mustern ausbrechen musste, um ihr Glück zu finden.

Zwei Tage später trafen sie sich erneut, diesmal zum Abendessen in einem einfachen Lokal mit französischer Küche. Sie bewunderte die Gewandtheit, mit der Erwin französisch sprach und dafür sorgte, dass ihre Wünsche erfüllt wurden.

Sie war zu dem Zeitpunkt schon versucht, ihn mit nach Hause zu nehmen, aber sie wollte nichts überstürzen. Er drängte sie auch nicht. Erwin war ihr sehr angenehm in seiner lässigen Art.

Sie trafen sich noch weitere Male. Es war ihr klar, dass er wusste, dass sie ihn begehrte. Als er sie an einem Abend bis zu ihrem Hause begleitete, bat sie ihn mit nach oben. Es war aufregend, ihn hinter sich auf der Treppe zu wissen, ohne seine Schritte zu hören. Eigentlich wollte sie Kaffee kochen, aber dazu kam es nicht. Sie küssten sich. Unter seinem Hemd spürte sie seine Muskeln. Sie fühlte sich in seinen Armen geborgen. Kurze Zeit später lagen sie auf dem Sofa und er drang in sie ein. Es war einige Zeit her, dass sie das letzte Mal mit einem Mann zusammen gewesen war und sie spürte, wie gut ihr der Sex tat.

Danach hatte sie Decken aus dem Schlafzimmer geholt und sie lagen nebeneinander auf der Erde vor dem Sofa. Als sie seine Brust streichelte, hielt sie inne und zog die Decke herunter. Vom Bauch bis zu den Brustwarzen zog sich eine breite Narbe herauf. Sie war gut verheilt, aber leichte Unebenheiten zogen sich wie eine sanfte Gebirgskette über seinen Rumpf.

Alexandra sah Erwin fragend an. „Elfenbeinküste 2002“, erklärte er. Sie musste ihm die ganze Geschichte über viele Fragen entlocken. Erwin war zwanzig Jahre bei der Fremdenlegion gewesen und hatte vor drei Monaten seinen Dienst beendet. Seine Verwundung durch eine Machete hatte er sich bei der Operation ‚Einhorn‘ an der Elfenbeinküste zugezogen. Ein paar Tage hatte er in Lebensgefahr geschwebt, wurde dann aber wieder gesund. Jetzt wollte er ein neues Leben beginnen. „Du warst doch damals kaum 20 Jahre alt, wie kam es dazu, dass du in die Fremdenlegion gegangen bist?“, fragte Alexandra.

Erwin blickte ihr in die Augen und sprach: „Das willst du nicht wissen. Und ich kann es dir nicht sagen. Kannst du akzeptieren, dass du es nie erfahren wirst?“ Während sie darüber nachdachte, zog er sich an und verließ die Wohnung, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihr umzudrehen. Die letzte und im Grunde einzige Frage, die er ihr gestellt hatte, konnte sie nicht beantworten.

Advertisements