(140) Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich.

von Alain Fux

Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich. Dietmar Ringelmann wachte auf. Wieder ein Albtraum. Er atmete schwer. Seine Arme und Beine taten ihm weh, als ob er wirklich zertrampelt worden wäre. Hatte er geschrien? Er horchte in den dunklen Raum, es war still. Man hatte ihn nicht gehört.

Seit Wochen plagten ihn ähnliche Albträume, aus denen er wie gefoltert aufwachte, oft schreiend. Deshalb hatten Bianca und er getrennte Zimmer im Hotel genommen. Er konnte es ihr nicht zumuten.

Ringelmann lag noch eine weitere Stunde wach im Bett und hatte Angst davor, wieder einzuschlafen. Heute war ein wichtiger Tag: Es ging um den nationalen Titel im Tauziehen. Er hoffte, dass er ausreichend fit sein würde, er wollte die anderen sieben Mitglieder der Mannschaft nicht enttäuschen. Sie waren seit sechs Jahren ein Team und hatten dieses Jahr die Chance, in ihrer Gewichtsklasse (720 kg) Meister zu werden. Allerdings wurde er den ganzen Tag über die Erinnerung an den wiederkehrenden Albtraum nicht los.

Die Endrunde wurde am frühen Nachmittag am Strand ausgetragen. Das war einerseits gut, weil man in dem feuchten Sand guten Halt bekam. Den hatte die andere Mannschaft aber auch, und deshalb würde die Kraftanstrengung in Summe gleich sein.

Die Sonne stand hoch, war aber jetzt im September nicht mehr so stark. Dietmar war der Ankermann in der Mannschaft. Seine Kollegen standen vor ihm aufgereiht neben dem Tau. Auf der anderen Seite konnte er die Silhouetten der Gegner sehen. Seitlich von der Mitte befand sich der Kampfrichter. Die Zuschauer, darunter Bianca und ihre beiden Schwestern, standen weiter hinten. „Seil auf!“, rief der Kampfrichter und hob dann seine Arme in die Horizontale. Dietmar schlang das Tau um die Schultern und nahm es fest in beide Hände. „Spannen!“ Er schlug den Absatz eines Schuhs in den feuchten Sand und zog das Tau straff. „Fertig!“ Dietmar registrierte die Spannung in den Muskeln seines Vordermanns. „Pull!“ Mit einem Ruck waren seine Arme und Beine von dem Kraftaufwand erstarrt. Sein Atem hatte kurz gestockt, nach einem Moment hatte er sich den Befehl gegeben, ruhig zu atmen. Der Zug was sehr stark und sie wurden zuerst zentimeterweise nach vorn gezogen. Dann setzte die Bewegung in die Gegenrichtung ein und er spürte das Momentum, mit dem seine Mannschaft sich einen Vorteil erarbeitete. Sie konnten mehrere Schritte in Folge zurückgehen. Plötzlich passierte es sehr schnell. Das Tau verlor die Spannung und Dietmar fiel nach hinten. Durch den Schwung konnten drei seiner Mannschaftskameraden nicht stoppen und traten ihm auf Arme und Beine.

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