Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juli, 2015

(158) Lena mochte es nicht, mit unabhängigen Mittelsmännern zu verhandeln.

Lena mochte es nicht, mit unabhängigen Mittelsmännern zu verhandeln. Es mangelte dabei an der Leidenschaft, die aus einem guten Deal einen exzellenten machen konnte. Außerdem war noch jemand am Tisch, der a) mit verdiente, b) mit quatschte und c) überflüssig war.

Jerry Carinola, der ihr jetzt zusammen mit seinen Geschäftspartnern Lou und Mike in der Bar gegenüber saß, hatte ihr über einen gemeinsamen Bekannten seine Telefonnummer geschickt. Nach einem ersten Telefonat hatten sie sich verabredet.

Die drei sahen aus, als ob sie eher beim Bowling zuhause wären als bei einem Waffendeal. Amateure. Und dann auch noch drei auf einem Haufen. Am Telefon hatte Jerrys Exposé für Lena wie eine abgedroschene Geschichte geklungen. Die Drei arbeiteten für einen afrikanischen Rebellenführer, der Zugang zu Diamanten hatte und mit diesen Diamanten Waffen kaufen wollte, um seine Rebellion erfolgreich mit der Machtübernahme abzuschließen. Jerry hielt ihr ein Säckchen hin, sie solle sich von der Qualität der Diamanten überzeugen. Lena machte keine Anstalten, das Säckchen zu nehmen. „Keine Steine“, sagte sie, „es läuft so: Cash im Voraus auf ein Offshore-Konto. Was wollen Sie denn kaufen, meine Herren?“

Lou räusperte sich und las aus seiner Kladde vor: „AK-47, MGL, M60, C4, RPG-7…“ – „Monoblock oder Tandemhohl?“, unterbrach ihn Lena. Die Drei blickten sich fragend an. „Lenny, wie meinen Sie das?“, fragte Jerry. „Das sind die Raketen für die RPG. Monoblock- oder Tandemhohlladung? Oder vielleicht thermobarisch? In Splitterausführung?“

Sie genoss die Verwirrung, die sie erzeugte. „Meine Herren, ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie sich so nobel für Ihren afrikanischen Freund einsetzen. Ich arbeite aber nur mit Leuten, die meine Sprache sprechen. Nehmen Sie es nicht persönlich, es ist nur ein Prinzip. Wenn Ihr Freund das Spielzeug auf seiner Wunschliste unter dem Weihnachtsbaum finden möchte, dann soll er mir jemanden schicken, der auch damit spielen möchte und kann.“

Sie erhob sich. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen.“ Sie drückte jedem der Drei mit einem großen Lächeln die Hand und ließ sie verwirrt zurück.

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(157) Lena Wegener alias Lenny Walther stieg aus dem Mietwagen…

Lena Wegener alias Lenny Walther stieg aus dem Mietwagen und schloss die Haustür auf. Es roch miefig und als Erstes riss sie die Fenster auf, um die trockenkalte Wüstenluft hereinzulassen. Jedes Mal kam sie mit gemischten Erwartungen nach Chile ins Observatorium. Auf der Plusseite: eine Woche Ruhe, um komplizierte Dinge zu planen. Auf der Minusseite: eine Woche mit Alfred. Aber die Tarnung war einfach zu gut, um sie aufzugeben.

Als Ehefrau eines Professors der Astrophysik hatte sie eine perfekte Legende. Alfreds Motivation war es, eine attraktive Frau vorweisen zu können, die ihn aber sonst völlig in Ruhe ließ. Sie trafen sich drei Mal im Jahr: zwei Mal für je eine Woche im Observatorium und ein Mal, als besonderen Bonus für Alfred, bei einem Kongress der Astrophysik irgendwo auf der Welt. Sie bildeten eine reine Zweckgemeinschaft. Alfred bemühte sich um seine Außerirdischen, die mit ihm per farblicher Nuancierung der Rotverschiebung kommunizierten und sie hatte die Waffen, beziehungsweise den Handel damit.

Wenn ein Geschäftspartner sie fragte: „Wie kommt eine so schöne Frau wie Sie zum Waffenhandel?“, antwortete sie: „Ich war jung und ich brauchte das Geld.“ Niemand glaubte ihr, aber es war wirklich so gewesen.

Lena hatte einige Zeit als wohlbezahltes Escort-Girl gearbeitet. Einer ihrer wichtigsten Kunden, und bald der einzige, war ein alter, mit allen Wassern gewaschener Waffenhändler namens Lenny Walther. Sie diente ihm anfangs als erotisches Accessoire bei Deals und lernte nach und nach die Branche, ihre Usancen und Möglichkeiten kennen. Schließlich machte Lenny sie zu seinem Kompagnon und baute sie zu seiner Nachfolgerin auf. Als Lenny an einem Herzinfarkt starb, führte sie die Geschäfte unter seinem Namen weiter. Es hätte dem alten Haudegen sicher gefallen, dass er damit unsterblich wurde.

Alfred ahnte nichts von Lenas Geschäften, er hätte sie auch nicht verstanden. Für ihn war seine Frau eine kunstinteressierte Globetrotterin mit viel Geschick bei Börsengeschäften, die aber intellektuell nicht in der Lage war, selbst die simpelsten astrophysischen Konzepte zu begreifen. Aber immerhin, er hatte die attraktivste Ehefrau, die ein Professor der Astrophysik jemals haben würde.

(156) Willkommen hier bei uns auf dem Berg.

„Willkommen hier bei uns auf dem Berg.“ Prof. Alfred Wegener hatte sich vor dem großen Fenster aufgebaut und kehrte René seinen breiten Rücken zu.

René war seit zwei Wochen am Observatorium, aber der Professor, sein Chef, hatte bisher keine Zeit für ihn gehabt. Die neuen Kollegen waren ganz ok. Es war eine sehr internationale Mischung von Wissenschaftlern, manche festangestellt, die meisten waren aber nur für ein bestimmtes Projekt hier.

In den zwei Wochen hatte René viel über Prof. Wegener gehört. Er war Astrophysiker und sein Ruf in Wissenschaftskreisen war enorm. In jungen Jahren hatte er die spezielle gravitative Rotverschiebung von Strahlung im Gravitationsfeld der Erde experimentell bewiesen. Damals hatte er ein gutes Händchen für praktische Umsetzung gehabt. Neben seinen Experimenten entwickelte er auch eine Autohupe, mit der man Morsesignale senden konnte, sowie einen Rasenmäher auf dem Luftkissenprinzip.

Nach seinem bahnbrechenden Beweis zum Thema Rotverschiebung, für den er seit längerer Zeit im Gespräch für den Nobelpreis war, hatte Prof. Wegner sich aus dem aktiven wissenschaftlichen Betrieb zurückgezogen. Er hatte an der Planung und Errichtung des chilenischen Observatoriums mitgewirkt und war seitdem dessen Leiter.

Hinter vorgehaltener Hand hatte ein Kollege René erzählt, dass Prof. Wegener auch heute noch forsche, allerdings rede man darüber nicht gern. Der Professor sei der Idee verfallen, dass die Rotverschiebung aus den Überresten von Kommunikationen ferner Galaxien entstand. „Außerirdische?“, hatte René erstaunt gefragt. Sein Gegenüber hatte genickt. „Wie soll man denn die Rotverschiebung bewusst verändern können?“ – „Das hatte schon mal jemand den Professor gefragt. Er hatte nur geantwortet: ‚Sie sind uns in allem voraus'“

Prof. Wegener wandte sich jetzt zu René um und musterte ihn. „Junger Mann“, sprach er, „ich habe gesehen, dass Ihre Dissertation sich mit dem Emissionsnebel im Sternbild der Cassiopeia beschäftigt. Was wissen Sie von der Rotverschiebung?“

(155) Guido schrubbte ein paar Akkorde auf seiner Gitarre…

Guido schrubbte ein paar Akkorde auf seiner Gitarre und sang dazu mit einer schmerzlich-verstellten Stimme: „Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich wünsche dir viel Glück. Es tut mir leid.“ Francy und Henri lachten laut und René grinste verschmitzt. „Das ist so lustig“, meinte Francy. „Da sitzt die Alte im Negligé und du erzählst ihr von deinem leckenden Schließmuskel. Das ist groß“, pflichtete Henri ihr bei. „Es fiel mir auf, als wir oben auf dem Berg waren“, erklärte René. „Wir sind durch den Gletscherpalast gegangen und sie hatte keine Augen dafür. Die ganze Schönheit hat sie gar nicht beachtet. Und ich sagte mir, wenn sie die Schönheit der Natur nicht fühlt, dann sind ihre Gefühle für mich auch falsch.“

„Was soll’s“, Guido legte die Gitarre nieder, „übermorgen bist du eh weg, ob mit Toxoplasmose oder ohne.“ – „Aber wenigstens bleiben dir die Berge erhalten, sie werden nur ein wenig anders aussehen als hier.“ Francy meinte: „Du hast großes Glück, hier wegzukommen. Ich wollte, ich könnte mitgehen…“ – „Du?“ René war verblüfft. „Du würdest mit nach Chile gehen? In die Atacamawüste?“ – „Na ja, ich würde wahrscheinlich erst einmal Pause machen in Paris, London oder New York… ein paar Jahre…“ – „Und du wirst da unten die ganze Nacht am Teleskop hängen?“, fragte Henri ungläubig. „Nicht ständig, nur manchmal. Die Observationszeit ist knapp und man muss vorher genau wissen, wonach man sucht. Ich werde die meiste Zeit anders forschen. Computer, Archive usw. Und wenn ich die Diss fertig habe, dann sehen wir weiter.“ – „Vielleicht wirst du ja eine ganz heiße Astronomin dort kennen lernen“, schwärmte Guido. „Ich glaube, daraus wird nichts. In der Astronomie ist es immer nur am anderen Ende des Teleskops heiß. Da wo ich sitze, trägt man Wollmütze und Fäustlinge. Astronomie ist nicht so wie bei der Musik, wo die Frauen dir an den Saiten kleben bleiben.“

Guido hatte wieder seine Gitarre ergriffen und sang: „Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich wünsche dir viel Glück. Es tut mir leid.“

(154) Lissy ging ins Bad, um sich etwas frischzumachen…

Lissy ging ins Bad, um sich etwas frischzumachen und um in ihren seidenen Morgenmantel zu schlüpfen. Sie hoffte, dass René sich schon ausgezogen hatte und nackt unter der Decke lag. Sie mochte es nicht, Männern beim Ausziehen zuzuschauen – oder ihnen sogar dabei zu helfen. Es war unelegant und törnte sie ab. Außerdem erinnerte es sie an Herrn Uhlmann, der sich einmal, während sie ihm aus der Hose half, in ihren Rücken übergab. Ein nackter junger Körper zwischen frischen Laken war etwas anderes.

Als sie herauskam, saß René allerdings noch angezogen auf dem Bett. Sie war enttäuscht, aber vielleicht war er ja zu schüchtern. Er schaute sie an und sagte: „Lissy, ich muss dir etwas sagen, bevor es mit uns ernster wird.“ – „Oh“, antwortete sie, „jetzt wird es schon ernst und ich hatte noch nicht mal meinen Spaß.“ Das klang nicht gut.

René erzählte ihr, dass er vor sieben Jahren nach Belize zum Surfen gereist war. Es war sehr schön gewesen, wenn auch sehr spartanisch. Vor einem Jahr musste er zum Arzt gehen, weil er Taubheitsgefühle in den Unterschenkeln hatte, die manchmal bis hin zu Lähmungen gingen. Der Arzt hatte zuerst einen Verdacht auf Multiple Sklerose geäußert. Weitere Untersuchungen ergaben aber, dass es eine tropische Krankheit war, die er sich in Belize eingefangen hatte. Die Tropische Spastische Paraprese sei zwar nicht tödlich, schwäche den Körper aber kontinuierlich.

Lissy war betroffen und fragte, worin sich das äußerte. René erklärte ihr stockend, dass er Zeichen von Inkontinenz aufweise und sich auch nicht mehr völlig auf seinen Schließmuskel verlassen könne. Deshalb müsse er Windeln tragen.

Sie war nach dieser Offenbarung einen Augenblick still. Dann kreuzte sie ihre Arme vor ihrem Busen, der auch durch den Seidenstoff noch sehr straff aussah, und sagte: „Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich wünsche dir viel Glück. Es tut mir leid.“

(153) Auf dem Rückweg erklärte er ihr, dass sein Freund André Fotograf war…

Auf dem Rückweg erklärte er ihr, dass sein Freund André Fotograf war, mit der Spezialität Baby- und Kinderfotos im Schnee. Ein Set, das er für 149 Franken im Angebot hatte, beinhaltete einen Eisbären, der sich mit auf das Foto legte. Natürlich war es kein richtiger Eisbär, sondern ein als Eisbär verkleideter Mensch. Und diese Rolle übernahm René, das hatte er André versprochen. Danach würde er Lissy wieder ganz zur Verfügung stehen. „Vielleicht gefällst du mir ja so gut in dem Eisbärenfell, dass ich gar nicht mehr will, dass du es ausziehst“, neckte sie ihn. „Na, ich weiß nicht“, beschied er, „sehr sexy sieht das Kostüm wirklich nicht aus.“

Es war wirklich eine ziemlich unförmige Verkleidung unter dem man die Körperformen von René (‚und seinen knackigen Hintern‘, fügte Lissy im Geiste hinzu) nicht erkennen konnte. Mit seinen Zotteln erinnerte es an einen Albino-Rastafari.

Lissy wurde Zeugin von verschiedenen Einstellungen, die zwischen André und René abgesprochen sein mussten, denn sie brauchten sich nicht zu verständigen. Ein Mal saß René auf einer Bank und hatte das Baby auf den Knien. Dann stellte er sich in voller Höhe hin und hielt das Baby hoch über sich. Mit dem Kind redete er dazwischen ständig und es kicherte laut vor sich hin. Am Ende legte sich René mit dem Rücken in den Schnee und legte das Kind auf seinen Bauch, so wie Balu und Mogli im Dschungelbuch. Die Eltern waren begeistert und als René aus dem Umkleideraum kam, warteten sie auf ihn und steckten ihm ein Trinkgeld zu.

Lissy gefiel die Art, wie er mit dem Baby umgegangen war – es ließ auf eine insgesamt zärtliche Art schließen, hoffte sie. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn in Richtung Hotel.

(152) Wie geht es meinem Maxi?

„Wie geht es meinem Maxi?“, erkundigte sich Frau Uhlmann beiläufig, nachdem sie sich über den Fortschritt der Gärtnerarbeiten informiert hatte. „Er spielt mit seiner Eisenbahn. Es geht ihm gut“, erstattete Dörte Bericht. – „Sehr schön, grüßen Sie ihn ganz lieb von mir. Ich rufe morgen wieder an, dann habe ich vielleicht etwas mehr Zeit und spreche mit ihm. Ach, Dörte, haben Sie sich informiert, was heutzutage in eine Schultüte reinkommt?“ – „Ja, Frau Uhlmann, ich werde die Schultüte vorbereiten. Werden Sie hier sein, um sie Maximilian selbst zu übergeben?“ – „Das weiß ich noch nicht. Aber Sie kriegen das bestimmt auch hin. Also, eine gute Zeit und bis bald.“

Frau Uhlmann legte auf. Sie saß nur mit BH und Höschen bekleidet auf dem Hotelbett. Aufmerksam betrachtete sie sich im Spiegel, drehte sich hin und her. Dann zog sie ihren BH aus und stellte sich direkt vor den Spiegel. Mit den Händen hob sie mehrmals ihre Brüste an und ließ sie wieder fallen.

Heute war René dran. Bereits letztes Jahr hatte sie den Skilehrer kennen gelernt und sich vorgenommen, ihn vollständig zu erkunden. Ihre ganze Erfahrung sagte ihr, dass es heute klappen müsste. Am Tag zuvor hatte sie ihn dazu überreden können, mit ihr eine Wanderung zu unternehmen. Dabei würde sie ihn wild machen und dann ginge es ins Hotel zum großen Finale.

Lissy Uhlmann traf René Klingler vor dem Hotel. Er hatte einen großen Rucksack dabei, in dem sie ein Picknick vermutete. Es lief wie erwartet. Mit der Seilbahn fuhren sie hoch zum Gletscherpalast. Die Aussicht auf das Matterhorn war überwältigend und das Wetter war ein Traum.

Sie wanderten einige Zeit auf dem Gletschergrat Richtung Testa Grigia. Es lief gut. An einer windgeschützten Stelle breitete René eine wasserdichte Decke aus. Dann holte er eine Flasche Prosecco und Gläser aus dem Rucksack und ließ den Korken springen. Die Sonne brach sich in den Perlen des Prosecco und sie lehnte sich dicht an ihn, als sie einander zuprosteten. Natürlich erreichte sie es auch, dass er sie küsste. Er ist ein guter Küsser, dachte sie erleichtert. Einerseits war sie froh, dass es so einfach war, andererseits sollte es aber auch nicht zu schnell gehen. Das Licht war einfach zu intensiv hier oben am Berg. Sie war deshalb nicht enttäuscht, als René ihr etwas später sagte, dass sie aufbrechen mussten. Er hatte einem Freund versprochen, ihm zu helfen, es werde nicht lange dauern.

(151) Das Gör war weg.

Das Gör war weg. Der morgendliche Wirbelsturm, während dessen sie Mann und Kind füttern, ermahnen und im richtigen Augenblick aus dem Haus scheuchen musste, war vorbeigezogen. Marieluise setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. An der Gartentür hörte sie ein Klopfen. Es war Dörte, Haushälterin und Kindermädchen von Frau Uhlmann, ihrer Nachbarin. „Kommen Sie herein, Dörte, wollen Sie einen Kaffee?“ – „Gerne, Frau Fendler, da sag‘ ich nicht Nein“, antwortete Dörte.

Frau Uhlmann war wohl wieder unterwegs, sonst hätte Dörte nicht die Zeit und den Mut für einen Besuch gehabt. Marieluise hatte Frau Uhlmann nur wenige Male privat getroffen, sonst grüßte man sich sporadisch auf der Straße. Die Nachbarin lebte getrennt von Herrn Uhlmann und genoss die schönen Seiten des Lebens. So wie sie ihre Existenz gestaltete, musste Herr Uhlmann sie mit einer hohen Apanage ausgestattet haben. Eine Haushälterin, die im Hause wohnte, zwei teure Autos, Wohnungen in Kitzbühel, Key West und wer weiß wo noch – das alles kostete einen Haufen Geld.

Marieluise war etwas neidisch, hätte aber auch nicht mit Frau Uhlmann tauschen wollen. Ihr eigenes Leben schien ihr im Vergleich wärmer und herzlicher zu sein. Dörte tat ihr Leid, denn Frau Uhlmann war sehr herrisch und behandelte Dörte eher wie eine Leibeigene als wie eine Angestellte, der sie ihr bequemes Leben verdankte. Dörte schien den ganzen Stress aber gut wegzustecken und da Frau Uhlmann eigentlich ständig unterwegs war, war ihr Leben nicht viel anderes als das von Marieluise. Abgesehen davon, dass sie keinen Mann zu versorgen hatte und in einem größeren und komfortableren Haus wohnte.

Die beiden Frauen setzten sich an den Küchentisch und tranken gemeinsam Kaffee. Wie Marieluise vermutet hatte, war Frau Uhlmann unterwegs, diesmal beim Gletscherschifahren in Zermatt. Dörte hatte schon von der Polizeiaktion bei Marieluises Schwiegereltern gehört. Marieluise hatte den Verdacht, dass dies der Grund des Besuchs war. Sie erzählte Dörte, was sie wusste und beide stellten Mutmaßungen hinsichtlich Erwins Motivation an und überlegten, was er als nächstes tun würde.

Schließlich bat Dörte Marieluise um Rat, was man einem Kind in die Schultüte tun sollte. Maximilian, der Sohn von Frau Uhlmann, würde nächste Woche zum ersten Mal die Schule besuchen.

(150) Plötzlich stoppte ein Wagen mit kreischenden Bremsen…

Plötzlich stoppte ein Wagen mit kreischenden Bremsen an der diagonal gegenüberliegenden Ecke. Zwei Männer in schwarzen Anzügen, mit schwarzen Hüten und dunklen Sonnenbrillen sprangen heraus. Jeder der beiden hielt eine AK-47 in der Hand. Einer schoss eine kurze Salve in die Luft, der andere tat es ihm nach. Das brachte den Verkehr zum Stehen. Die beiden gingen quer über die Kreuzung auf Farhad zu.

Die Fußgänger warfen sich zu Boden oder liefen von der Kreuzung weg. Einige versteckten sich hinter Mülleimern. Weiter hinten hupten Autofahrer, die nur sahen, dass die Verkehrsampel grün zeigte, aber keiner über die Kreuzung fuhr.

Mit den Kalaschnikows im Anschlag hatten die Männer jetzt die Mitte der Kreuzung erreicht. Farhad hielt weiter unbeirrt seine Stange mit dem Schild. Er hatte das Schild so gedreht, dass die Angreifer den Text lesen konnten. Sie grinsten, das Weiß ihrer Zähne konnte man von weitem sehen. Der Mann neben Farhad war auf dem Bürgersteig niedergesunken und suchte Schutz hinter Farhads Koffer, auf dem er die Schilderstange abgestellt hielt. Als die Männer bis auf fünf Meter herangekommen waren, sagte Farhad: „Lasst ihn gehen. Er hat nichts damit zu tun. Er wollte mir nur die Stange halten.“ – „Dann ist es ja gut“, antwortete der Anführer der beiden. Er schwenkte den Lauf der Maschinenpistole, bis sie auf den kauernden Mann zielte und schoss ihm in den Kopf. Der Mann fiel um. Sein Körper sank auf Farhads Füße. Farhad schloss die Augen. Aus der Ferne hörte man Sirenengeheul herannahen.

„Bist du bereit?“, rief der Anführer. „Deine Mitfahrgelegenheit wartet.“

„Mir reicht’s“, sagte Marieluise und sprang auf. „Was für ein Schwachsinn“, bestätigte Theo und drückte auf den Ausknopf, gerade, als das bleispuckende Maul der Kalaschnikow in extremer Großaufnahme auf dem Fernsehschirm zu sehen war. „Welcher war denn jetzt Chris Saviano? Und wo war Gott?“ – „Gott?“, entgegnete sie aus der Küche heraus, „da muss ich wohl gerade eingeschlafen gewesen sein.“

(149) Eine Straßenkreuzung in Chicago inmitten von Hochhäusern.

Eine Straßenkreuzung in Chicago inmitten von Hochhäusern. Autos brausten im Rhythmus der Verkehrsampeln abwechselnd hin und her. An einer Ecke stand ein Mann, der eine dünne Eisenstange senkrecht in der Hand hielt. Darauf war oben ein Schild befestigt, mit der Aufschrift ‚FBI Agent Chris Saviano: Stop raping my wife!‘ Der Mann mit der Stange hatte ein sehr gepflegtes Aussehen. Er trug einen ordentlichen Anzug, polierte Schuhe und eine Krawatte. Seine Haare waren kurz, seine Wangen glatt und seine Fingernägel sorgfältig geschnitten. Sein Gesichtsausdruck war neutral, so als sollte er jemanden darstellen, der mit einem neutralen Gesichtsausdruck auf den Bus wartete.

Regelmäßig blieben Passanten stehen, nicht nur, weil sie auf das Fußgängergrün warteten, sondern auch, weil sie sich das Schild und dann den Mann ansahen. Von Zeit zu Zeit stellten sich Touristen neben ihn und ließen sich von ihren Freunden mit dem Mann fotografieren. Es schien ihn nicht zu interessieren. Er stand da und mit seinem Stab teilte er die Flut der Fußgänger in solche, die nach Westen wollten und in solche, die es nach Norden zog.

Ein Passant blieb neben dem Mann mit dem Schild stehen und fragte: „Sie sind Farhad?“ – „Ja.“ – „Kennen Sie Chris Saviano persönlich?“ Farhad starrte vor sich hin. „Warten Sie hier auf ihn? Ich möchte ihn auch sehen. Er hat mich um meinen Job gebracht.“ Farhad blickte auf und in seinen Augen konnte man Mitgefühl sehen. „Er wird kommen“, sagte er mit fester Stimme.

„Wie lange warten Sie bereits?“, fragte der Mann Farhad. „Sehr lange und doch habe ich gerade erst begonnen.“ – „Kann ich das Schild für Sie halten?“, bot der Mann an und streckte seine Hand nach der Stange aus. „Nein“, beschied Farhad, „Sie brauchen Ihr eigenes Schild. Keiner darf das Schild des anderen halten.“ – „Sie haben mir Erleuchtung gebracht“, sagte der Mann mit bewegter Stimme.