(124) Jutta schaltete den Fernseher ein.

von Alain Fux

Jutta schaltete den Fernseher ein. Es lief eine Unterhaltungsshow, in der Zuschauer ihre Talente zum Besten geben konnten. Auf der Bühne mühte sich gerade eine Tanzgruppe ab, die wie Figuren aus Pu der Bär kostümiert waren: Pu war eine Frau im schwarzen Plüschkleid; Ferkel ein etwas feister Mann mit Weste, Fliege sowie einem Hut mit angeklebten Schweinsohren; Christopher Robin eine schmale Blondine mit kurzen Haaren; sowie Tiger, eine dralle Frau im Tigerleotard, hochtoupierten Haaren und Netzstrümpfen.

„Zwei davon erinnern mich an meine Schwiegereltern“, stellte Frauke vergnügt fest. „Lass mich raten… Ferkel und Tiger?“ – „Ja genau. Es fehlen bei ihm nur noch die Schweinsohren. Die Schnute dazu hat er auf jeden Fall. Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn er mich zur Begrüßung küsst. Jedes Mal, wenn ich seine feuchten Lippen an der Wange spüre, wird mir übel. Und sie ist wirklich so eine dralle Wuchtbrumme, die überall ihre Tigerpfoten hat.“ – „Und untereinander?“ – „Auch wie Ferkel und Tiger, sie befiehlt, er folgt.“ – „Und dein Mann darin?“ – „Na, der ist natürlich so unschuldig wie Christopher Robin.“ – „Das lässt dann nur noch Pu den Bären für dich.“ Beide mussten lachen. „Genau, ich bin Pu der Bär. Ein Bär von sehr geringem Verstand.“ – „Und ein Schleckermaul, kein Honigtopf ist vor dir sicher“, fügte Jutta hinzu. „Schon ein tolles Buch. Ich habe es sehr oft verschlungen, als Kind und auch später. Ich habe auch die CDs, vorgelesen von Harry Rowohlt. Da hör ich manchmal rein.“ – „Es ist eine Schande, was die Deppen im Fernsehen daraus machen. Eine Talentshow. Am Ende sind es noch wirklich meine Schwiegereltern.“ – „Das kann nicht sein“, widersprach Jutta, „die hätten dich doch bestimmt zu der Aufzeichnung eingeladen. Noch ein Gläschen?“

Advertisements