(121) Nachdem Josef Buchbinder den Hvalfjörður-Tunnel verlassen hatte…

von Alain Fux

Nachdem Josef Buchbinder den Hvalfjörður-Tunnel verlassen hatte, fuhr er zuerst ostwärts am Fjord entlang, bevor die Ringstraße wieder nach Westen abbog. Dann erkannte er die Spitze des Vulkans bereits aus der Ferne in einem Wolkenloch. Der Snæfellsjökull. Er spürte eine von Spannung getragene Freude in der Brust. Es war die richtige Entscheidung gewesen.

Zwei Tage zuvor hatte er die Apotheke zugeschlossen und die Tagesabrechnung fertiggestellt. Dann saß er bei Schwarzbrot und Bauernschinken vor dem Fernseher. Es lief ein Dokumentarfilm über Island. Josef biss ein Stück Brotkruste ab, als der Kommentator von Jules Verne sprach. Bei dem Namen hellte sich Josefs Gesicht sofort auf. Er legte sein Brot weg und wandte sich zu seinem Bücherschrank.

In der obersten Reihen fand er, was er suchte: ‚Die Reise zum Mittelpunkt der Erde‘. Die Ausgabe war ziemlich mitgenommen und er nahm sie sehr vorsichtig in die Hände. Der Rücken war mit Klebeband geflickt, der bei seiner Berührung wie ein Fliegenflügel abbrach und zu Boden fiel. Josef hob ihn auf und setzte sich mit dem Buch an den Tisch. Behutsam schlug er es auf und fing an zu lesen. Es war wie eine Zeitreise für ihn. Als ob er noch der kleine Bücherwurm war, als den ihn seine Geschwister ständig gehänselt hatten. Alles versank um ihn herum. Manche Seiten überblätterte er, manche Seiten las er mit großer Konzentration. Und da ihn niemand störte, las er sehr lange.

Irgendwann merkte er, dass seine Kehle vor lauter Lesen ausgetrocknet war und er holte sich ein Glas Wasser aus der Küche. Im Flur blieb er vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich. Er war ein alter Mann geworden, der zu viel Zeit als Apotheker verbrachte und zu wenig als Mensch. Dahinter gab es aber immer noch den kleinen wissbegierigen Jungen, der er einmal gewesen war. Es war ihm, als ob ein Raunen durch den Flur ging und ihm mitteilte, dass seine Zeit bemessen sei.

Früher hatte er geträumt, selbst nach Island zu reisen, um den Eingang zur Unterwelt zu entdecken. Er könnte es nachholen. Es freute ihn, als ihm dieser Gedanke kam und deshalb dachte er noch stärker daran. Bis er schließlich vom Gedanken zur Planung schritt und nach Flügen suchte. Dann einen Flug buchte, packte und aufbrach.

Das brüchige Buch hatte er im Gepäck mitgenommen, damit fühlte er sich sicherer. Es war, als ob er auf Wolken ginge.

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