(120) Der General baute sich dicht vor der Empfangstheke auf.

von Alain Fux

Der General baute sich dicht vor der Empfangstheke auf. Seine hochdekorierte Brust lag fast auf der Tischplatte. Er war der Sprachführer dieser seltsamen Gruppe, die jetzt in der Polizeiinspektion 47 stand.

Paul Schramm, der diensthabende Polizeibeamte, hatte zwei Mal hinschauen müssen, als er auf dem Überwachungsmonitor drei Nonnen und einen General in Paradeuniform vor dem Eingang des Reviers gesehen hatte. Zuerst dachte er, dass die Kollegen sich einen Scherz mit ihm erlaubten. Als die Gruppe hereinkam, war es Schramm klar, dass seine Besucher keine Fälschungen waren. „Unser Bruder ist verschwunden. Wir möchten eine Vermisstenanzeige aufgeben“, erklärte General Buchbinder, während die drei Nonnen hinter ihm im Halbkreis aufgestellt eine Art Nachhut bildeten.

Die Schließanlage knackte und die Tür des Reviers öffnete sich wieder. Heinz Reimann von der Kripo kam mit einem Karton voller Ordner durch. „Morgen Paul“, grüßte er. Sein Zwinkern und sein Gesichtsausdruck bedeuteten ‚Hoher Besuch, das gibt es hier selten‘. „Morgen Heinz“, antwortete Schramm, zog aber keine Grimassen, denn er wusste sich von vier Augenpaaren beobachtet.

Es stellte sich heraus, dass General Buchbinder, die drei Nonnen (Schwester Agatha, Schwester Annunziata und Schwester Maria Isabella) gemeinsam ihren Bruder, Josef Buchbinder, besuchen wollten. Josef Buchbinder betrieb eine Apotheke, zwei Straßenzüge vom Revier entfernt. Schramm kannte die Apotheke, denn er war einmal als Kunde dort gewesen. An den Apotheker konnte er sich aber nicht erinnern.

Die Geschwister hatten sich vor längerer Zeit verabredet und wollten gemeinsam zu einer Familienfeier fahren: Die Enkelin des Generals sollte getauft werden. Josef Buchbinder wohnte im ersten Stock der Apotheke und als sie ankamen, war die Apotheke geschlossen. Ihr Klingeln in der Wohnung wurde nicht beantwortet. Eine Rückfrage bei Frau Dombrowski, der Mitarbeiterin des Apothekers, ergab, dass diese seit einer Woche im Urlaub war und ihren Arbeitgeber seither nicht gesehen hatte. Eine Nachbarin meinte, dass die Apotheke seit zwei Tagen geschlossen sei und sie davon ausging, dass auch Herr Buchbinder im Urlaub sei.

„Das passt nicht zu unserem Bruder“, sprach der General, „er ist immer peinlich genau. Wir glauben, dass hier ein Verbrechen vorliegt.“

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