(116) Nicole war sauer.

von Alain Fux

Nicole war sauer. „Was untersteht sich diese Krankenschwester, so mit mir zu reden? Ich bin die Mutter. Es ist mein Kind.“ Henning wollte tröstend seinen Arm um sie legen, aber sie wischte ihn weg. Sie gingen den Flur hinunter. Am anderen Ende stand Thea Schlüter mit ihrer Tochter Roxana zusammen. Sie waren auf der Kinderstation, um Hakon, Roxanas Bruder, zu besuchen.

Hakon war am Tag zuvor am Blinddarm operiert worden, fühlte sich heute aber schon wieder wohlauf. Gerade hatte er seiner Mutter die Zusage entlockt, dass er einen Hund bekommen würde. Roxana war sechs Jahre älter als Hakon und hätte, seit sie denken konnte, gern einen Hund gehabt. Das war ihr aber von den Eltern verwehrt worden. Sie fand das ungerecht.

Was sie noch stärker beschäftigte war, dass sie am darauffolgenden Samstag länger wegbleiben wollte, aber auch das durfte sie nicht. Roxana vermutete ein System hinter der aus ihrer Sicht ständigen Missachtung ihrer Bedürfnisse. Die Fragen, die sie stellte, waren zwar gerechtfertigt, aber ihre Mutter konnte ihr keine Antwort darauf geben.

In Wirklichkeit war Thea bei der Erziehung von Roxana sehr streng gewesen, weil es ihr erstes Kind war und sie nichts verkehrt machen wollte. Bei dem zweiten Kind wusste sie vieles besser und handelte entsprechend. Es tat ihr auch Leid, dass sie dieses Wissen noch nicht bei der Erziehung von Roxana gehabt hatte. All dies hätte sie Roxana erklären können, aber sie verstand es selbst nicht. So ließ sie die Fragen ihrer Tochter nur mit hängenden Schultern auf sich niederprasseln. Insgeheim dachte sie, dass Roxana die strenge Hand wahrscheinlich sogar benötigte, so wie sie sich jetzt wieder aufführte.

Im Vorbeigehen kreuzten sich die beiden Mütter, Thea und Nicole. Beide Frauen waren zu sehr mit sich beschäftigt und registrierten die andere nicht. Nicole holte zu einem neuen Schlag gegen Henning aus: „Auch mit dir hatte ich ihn enttäuscht.“ Thea zog ihrerseits die Notbremse, die sie dann zog, wenn sie nicht weiter wusste: „Rede mit deinem Vater.“

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