(115) Justine, schau her. Schau in die Kamera, Kleines.

von Alain Fux

„Justine, schau her. Schau in die Kamera, Kleines. Jetzt lächeln. Bitte.“ Nicole war ganz heiser. Justine lag auf dem Krankenhausbett und weigerte sich, auch nur einen Blick in Richtung der Kamera zu werfen. „Komm, Nicole, wir geben ihr ein paar Momente Ruhe.“. Henning richtete sich aus seiner verkrampften Haltung auf und legte die Minolta XD-7 auf das Bett.

„Das kann doch nicht so kompliziert sein.“ Nicole war verstimmt. „Es ist wichtig. Als ich gestern mit meinem Vater sprach, fühlte ich diese unterschwelligen Vorwürfe ganz deutlich. Er findet es nicht gut, dass die Kleine im Krankenhaus liegt. Er glaubt, dass wir auch als Eltern unfähig sind.“ – „Könnte es sein, dass du dir das einbildest?“, fragte Henning vorsichtig. „Nein, ich kenne meinen Vater. Und dann hat er ständig von Sarah geschwärmt, dass ihre Kinder so nett sind, dass Sarah sich aufopfert für sie, dass er von den Kindern eine selbstgemalte Geburtstagskarte bekommen hat… Er brauchte es gar nicht auszusprechen.“ – „Was aussprechen?“ – „Dass er uns nichts vererben möchte.“ – „Er kann uns nicht enterben“, beschied Henning.

„Das weiß ich auch, aber es wäre auch nicht gut für uns, wenn er seinen Spielraum ausnutzen würde. Ich will ihm zeigen, dass wir das auch können. Dass ich nicht schlechter bin als Sarah. Ich bin auch seine Tochter.“

Sie wandte sich zu Justine, die einfach nur dalag und mit den Fingern die Falten im Betttuch nachstrich. „Tine, du musst jetzt auf den Fotos sehr fröhlich sein. Dann freuen sich deine Mami und dein Papi sehr. Und du wirst dann auch sehr viel schneller gesund werden und du kannst wieder mit nach Hause, mein Schatz. Wollen wir es noch einmal versuchen?“

Justine schien zu nicken, aber ihr Körper verkrampfte sich. „Also los, nimm die Kamera.“ Henning tat wie geheißen und brachte sich in Position. Nicole versuchte, Justines Gesichtsausdruck in die gewünschte Mimik zu orchestrieren, aber die Kleine brachte es nicht fertig zu lächeln.

Als Nicoles Zureden gerade in Schimpfen abzugleiten drohte, trat Heike, die Krankenschwester, ins Krankenzimmer ein und blieb in der Tür stehen. „Was ist denn hier los? Was machen Sie mit dem Kind? Justine braucht Ruhe. Jetzt gehen Sie bitte mal für eine halbe Stunde nach draußen.“ Heike strahlte unbedingte Autorität aus. Das musste auch Nicole anerkennen und sie zog Henning mit hinaus. Endlich war es still in dem Zimmer. Allerdings nicht für lange. Dann fing Justine an zu heulen.

Advertisements