(114) In meiner Ausbildungszeit gab es ein paar wirklich wilde Geschichten.

von Alain Fux

„In meiner Ausbildungszeit gab es ein paar wirklich wilde Geschichten“, erzählte Annemarie. „Einmal waren Myriam, eine Freundin, die du nicht kennst, und ich von drei Ärzten zu einem lustigen Abend eingeladen worden. Nun ja, wir waren jung und neugierig – wir gingen hin. Der Abend fing ganz nett an, es war nach einer langen Stressperiode eine gute Möglichkeit, etwas Dampf abzulassen. Alkohol gab es in rauen Mengen und alle waren reichlich beschickert. Irgendjemand kam dann auf die glorreiche Idee, Strippoker zu spielen.“ Patrizia verdrehte die Augen und prustete los.

„Ja, ich weiß, aber wir waren jung und unerfahren… Die Begeisterung, wie du dir denken kannst, war größer auf Seiten der Männer als bei uns. Aber wir haben mitgemacht und der Alkohol hatte daran bestimmt einen wesentlichen Anteil. Das Spiel lief ein paar Runden und war recht ausgeglichen. Myriam war die erste, die zu müde wurde, aus dem Spiel ausstieg und sich auf das Sofa legte. Ich hatte etwas später keine Lust mehr und stieg auch aus. Irgendwie war die Spiellust der Männer aber so sehr entfacht, dass das keine Rolle spielte und sie verbissen weitermachten. Ich nickte kurz ein und als ich wieder aufwachte, lief das Spiel immer noch und die Ärzte waren fast komplett nackt.

Ich weckte Myriam und wir beobachteten ganz still die letzte Runde gemeinsam. Es war sehr spannend und alle drei schienen gute Karten zu haben. Am Ende gewann der Chirurg mit einem Stringtanga Vorsprung. Die anderen zwei waren komplett nackt. Es war wirklich sehr lustig.“

„Unfassbar. Kenne ich einen der Ärzte?“, forschte Patrizia. Annemarie schüttelte den Kopf. „Und was geschah mit Myriam? – „Sie hat den Chirurgen geheiratet, mittlerweile geschieden. Und ihm geht es nach der dritten Entziehungskur auch wieder besser.“ – Na dann hat sich ja doch noch alles zum Guten gewandt“, meinte Patrizia gähnend.

Ihre Schicht war um. Sie stand auf und zog endlich die Strumpfhose mit den Kartoffeln aus. Bei dem zweiten Bein geriet sie etwas ins Hopsen und die Kartoffeln kullerten über den Boden des Schwesternzimmers.

„Schade, jetzt habe ich wohl den schönsten Anblick verpasst“, rief Heike von der Tür aus und schaute amüsiert. „Alles Gute, liebe Patrizia, lass dich drücken“. Heike arbeitete auf der Kinderstation und kam gerade zu ihrer Schicht. Die beiden Frauen umarmten sich, inmitten der auf dem Boden verstreuten Kartoffeln.

Advertisements