(113) Die Lungenentzündung vom Flughafen war versorgt.

von Alain Fux

Die Lungenentzündung vom Flughafen war versorgt. Patrizia trat in den abgedunkelten Flur. Als sie in das Schwesternzimmer zurückkam, erschrak sie über die Schatten, die sie anzuspringen schienen.

Es waren Kolleginnen von ihr, die nur für sie zu der Nachtschicht gekommen waren. Patrizia heiratete am nächsten Tag. Leider hatte sie keine Zeit für einen Junggesellenabschied gehabt und den anderen Krankenschwestern erging es nicht anders. Deshalb hatten sich die Kolleginnen, ohne Patrizias Wissen, auf der Station verabredet, um dort über Nacht mit ihr zu feiern. Eigentlich waren alle noch kaputt von ihren jeweiligen Tag- und Frühschichten, aber sie nahmen es mit einer gewissen Nonchalance. Bei der Planung fielen Sätze wie „Wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird“, „Wir sind doch alle jung – wann denn, wenn nicht jetzt?“ oder „Was ist Leben? Das, was man draus macht.“

Heimlich hatten sie den Abend schon eine Woche vorher geplant, denn es galt, einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem gemeinsamen Feiern und trotzdem auf das Wohl der Patienten zu achten. Dazu kam, dass nicht alle sich die Nacht um die Ohren schlagen konnten. Minutiös hatten sie deshalb einen Zeitplan ausgearbeitet, damit Patrizia während der ganzen Nachtschicht Gesellschaft hatte und nicht selbst arbeiten musste. Das alles im fliegenden Wechsel, damit jede auch noch ein bisschen Schlaf bekam.

Ein bisschen quälen wollten sie Patrizia aber trotzdem, denn schließlich war es ja eine Art Junggesellenabschied. Eine der Kolleginnen hatte einen Vorschlag, der zu ihrem großen Erstaunen von allen für gut befunden wurde: Jede der Schwesternkolleginnen würde eine Kartoffel mitbringen und sie Patrizia in die Strumpfhose stecken. Am Ende der Nacht würden ihre Beine so geschwollen aussehen wie sie sich manchmal in Wirklichkeit anfühlten, wenn sie aus dem Krankenhaus nach Hause kamen. Eine Schwester hatte eine große Tüte Kartoffeln gekauft und in einer Abstellkammer versteckt, und alle, die nacheinander jeweils für ein Weilchen kamen, nahmen sich eine große Kartoffel daraus und steckten sie Patrizia in die Strumpfhose. Alle tranken ein Glas Wein mit ihr, aber jede nur ein Glas, so dass die Arbeit erledigt werden konnte.

Am Ende der Nachtschicht saß Patrizia betrunken am Schwesterntisch und trug eine Strumpfhose, in der die Kartoffeln bis zum Knie reichten und in der sie kaum gehen konnte. Sie war gerührt von ihren Kolleginnen, weil sie wusste, dass alle wertvollen Schlaf für sie geopfert hatten. Ihre Kollegin Annemarie, deren Idee die Nacht gewesen war, besuchte sie als Letzte.

Advertisements