(111) Die Reise war beschwerlich.

von Alain Fux

Die Reise war beschwerlich. Über seine Nichte hatte Fumiaki Richard Anweisungen gegeben, wie er ihn finden konnte. Zuerst mit dem Flugzeug nach Tokio. Dort übernachtete Richard ein Mal in einem Kapselhotel am Busbahnhof. Früh am nächsten Morgen nahm er den Bus, der ihn nach Mutsu brachte, an der Nordspitze der Honshu Insel. Es war eine schier endlose Fahrt von 769 Kilometern. Mutsu war eine schreckliche kleine Stadt, übersät mit grauen Betonhäusern unter verrosteten Wellblechdächern. Dort verbrachte er die zweite Nacht. Mit einem weiteren Bus fuhr er zunächst sehr früh nach Ohata und dann mit einem zweiten Bus nach Yagen Onsen, einem kleinen Dorf, das für seine heißen Quellen bekannt war. Gegen Mittag stieg er dort aus.

An der Bushaltestelle wartete ein Mädchen auf ihn, Fumiakis Nichte. Ihr gesprochenes Englisch verstand Richard überhaupt nicht und sein Englisch schien für sie genauso unverständlich zu sein. Beide empfanden es aber unhöflich, mit geschriebenen Zetteln zu kommunizieren. So blieb vieles im Ungefähren. Richard war erschöpft von der langen Reise, auf der er jede einzelne Nacht schlecht geschlafen hatte. Yagen Onsen mit seinen kleinen niedlichen Häusern schien ihm wie im Traum.

Endlich stand er Fumiaki gegenüber, mit dem er seit fast fünf Jahren Briefe ausgetauscht hatte. Fumiaki war alt, grau und seine Augen schienen Richard nicht wahrzunehmen. Erst als die Nichte die beiden zu den Shamo führte, kam Licht in die Augen des Greises. Richard war tief bewegt, als er endlich vor dem Gehege stand. Vor Erschöpfung und vor Aufregung entfuhr ihm ein Schluchzen und er fing an zu weinen. Er sank auf die Knie. Fumiaki sah zu ihm nieder und legte ihm tröstend seinen Arm um die Schulter. Er begann zu erzählen. Die Nichte schien erstaunt, so als ob der Alte sonst nie redete. Sie übersetzte, aber Richard konnte ihre Übersetzung natürlich genau so wenig verstehen wie die Originalaussagen von Fumiaki. Trotzdem fühlte er eine große Zugehörigkeit zu Fumiaki, seiner Nichte und den Shamo.

Richard blieb drei Tage und drei Nächte in Yagen Onsen. Er verbrachte die meiste Zeit neben Fumiaki auf der Bank neben dem Gehege. Sie erzählten sich abwechselnd, was ihnen durch den Kopf ging und keiner verstand die Worte des anderen. Aber sie fühlten, dass es etwas Größeres gab, das sie verband. Als Richard wieder abreiste, schenkte ihm der Alte vier junge Shamo, drei Hennen und einen Hahn. Richard bedankte sich überschwänglich und war, wie bereits bei seiner Ankunft, tief berührt.

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