(110) Richard Heinzelmann hatte ein Hobby…

von Alain Fux

Richard Heinzelmann hatte ein Hobby, das dem Metzgerberuf etwas näher schien: Er züchtete Kampfhähne. Es hatte mit zwei Küken begonnen, die seine Mutter ihm als Kind mitgebracht hatte, als er wegen Krankheit ein paar Tage nicht aus dem Haus durfte. Er hatte die beiden Küken allein aufziehen wollen. Eines davon war zwar nach ein paar Tagen gestorben, das andere aber überlebte in einem Karton neben dem Ofen, zugedeckt mit einem alten Geschirrtuch.

Danach hatte Richard einen Kraienkopp geschenkt bekommen, der ursprünglich für den Kampf gezüchtet worden war. Bereits damals, und heute noch mehr, sah Richard keine Veranlassung, seine Hähne kämpfen zu lassen. Ihm war vor allem das Züchten und der Austausch mit den Züchterkollegen wichtig.

Nach den Kraienköppen kamen Hint Horoz dazu und Richard wurde in dem Verein Zuchtwart für diese Rasse türkischer Kampfhühner. Seine Eltern fanden sein Hobby sinnlos, da die Tiere so wenig Fleisch auf den Rippen hatten, dass sie wirtschaftlich uninteressant waren.

Richards Traum waren allerdings die Shamo, eine sehr alte japanische Rasse mit einer sehr markanten, fast eckigen Körperform. Sie standen fast komplett aufrecht, mit einem langen Hals und einem ganz geraden Rücken. Andreas, dem Richard die Fotos gezeigt hatte, nannte sie „kleine Federgodzillas“, worauf ihm Richard erklärte, dass alle Hühner von den Dinosauriern abstammten.

Richard studierte Bücher über Shamo, die er sich für teures Geld aus dem Ausland schicken ließ. Er sammelte Bilder und konnte auch auf einem schlechten Schwarz-Weiß-Foto auf Anhieb noch den Unterschied zwischen einem O-Shamo und einem Chu-Shamo ausmachen.

Während mehrerer Jahre sparte er für eine Reise nach Japan. Dort, in der Heimat der Shamo, wollte er ein reines Paar erwerben und es für Zuchtzwecke nach Hause bringen. Jahrelang pflegte er einen Briefwechsel mit Fumiaki Taguchi, dem führenden japanischen Züchter. Die Kommunikation wurde allerdings erschwert, da Richards Englisch sehr schlecht war und Fumiaki gar kein Englisch verstand. So konnte Richard nur durch die Übersetzungskünste von Taguchis Nichte mit dem Züchter kommunizieren.

Eines Tages war es soweit: Richard hatte genügend Geld gespart und kaufte ein Flugticket nach Japan, zu Fumiaki Taguchi und seinen Shamos.

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