(109) Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie…

von Alain Fux

Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie in fünfter Generation. Sein Vater war vor fünf Jahren gestorben und seitdem führte offiziell Andreas, der Älteste und ein gelernter Metzgermeister, das Unternehmen. Der zweitälteste Sohn Richard war nach dem Tod des Vaters ebenfalls in die Firma zurück gekehrt und seitdem trug der Lieferwagen die Aufschrift ‚Heinzelmann und Söhne‘, darüber die Zeichnung eines rosigen grinsenden Metzgerschweins mit gezücktem Messer. Die Harakiri-Sau, wie Andreas das Bild nannte. In Wirklichkeit wurden die Geschicke des Unternehmens, und auch der Familie, weiterhin von der Mutter, Frau Heinzelmann, bestimmt.

Gernot fühlte sich von der Familie ausgeschlossen. Einem Schulfreund hatte er mal gestanden, dass er nicht einmal als Vegetarier einen schwereren Stand haben könnte. Die Idee mit dem Sportstudium war von dem Schulpsychologen gekommen. Nach Auswertung der Berufseignungstests orakelte er, dass das Sportlehrertum Gernots Bestimmung im Leben sei. Auch um sich aus der Umklammerung der Familie zu lösen, hatte er sich mit der Idee angefreundet. Der Schulpsychologe wertete dies als Erfolg seiner umfangreichen Testreihen.

Zuhause verspotteten Andreas und Richard ihn wahlweise als ‚Doktor Sport‘ oder als ‚Turnlehrer‘. „Jetzt lasst den Jungen doch in Frieden“, verteidigte ihn seine Mutter dann. „Gernot wird seinen Weg gehen. Ich liebe alle meine Söhne.“

Andreas war unter den drei Brüdern anfangs stets der Rebell gewesen. Dann, mit seiner Ausbildung im städtischen Schlachthof, hatte er sich zu einem arbeitsamen, aber engstirnigen Spießer gewandelt. Beruflich war er allerdings offen für neue Ideen. Sehr früh führte er zum Beispiel Produkte aus texturierten Soja-Proteinen ein, was ihm Gernot nicht zugetraut hätte.

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