(104) Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei…

von Alain Fux

„Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei und schaue mir die Räume an. So wie Sie die Situation schildern, dürfte das gar kein Problem sein. Unsere Kameras sind so klein, dass sie überall versteckt werden können. Die Daten werden per Funk an eine Speichereinheit übertragen und die können wir irgendwo bei Ihnen verstecken. Ich bringe das ganze Material mit und dann können wir alles Weitere heute Nachmittag besprechen.“

Wilfried Larsen legte das schnurlose Telefon nieder. Eigentlich hatte er seine Firma gegründet, um ‚Überwachungslösungen für den öffentlichen Raum‘ zu verkaufen, wie es in seinem Geschäftsplan hieß, den er der Bank vorgelegt hatte. Das war auch sein wichtigster Geschäftsbereich. Er hätte aber nicht erwartet, dass Untreue sein zweitstärkstes Segment sein würde. Vor allem Männer baten ihn um Hilfe, um ihre Ehefrauen besser überwachen zu können. Larsen hatte allerdings den Verdacht, dass viele Kunden, die eine Anlage bei ihm kauften, noch andere Motive verfolgten, besonders, wenn sie Überwachungskameras im Schlafzimmer installierten. Mit den Mietanlagen hingegen sollte wahrscheinlich in den meisten Fällen Untreue nachgewiesen werden.

Egal, Geschäft war Geschäft und die Margen waren besser als im Industriegeschäft.

Larsen war nicht verheiratet und wenn man ihn danach befragte, erklärte er, dass er mit Frau Elektronica eng verbandelt sei. Er verbrachte wahrscheinlich mehr Abende beim Tüfteln in seiner Werkstatt als die meisten Männer mit ihrer Familie.

Es war die absolute Logik, die ihn an der Elektronik faszinierte. Wenn die Umstände gleich waren, dann würde der gleiche Input auch unweigerlich zu dem gleichen Ergebnis führen. Frauen waren ihm einfach zu kompliziert. In seiner Werkstatt hatte er eine Doppelseite aus einem Magazin aufgehängt. Auf der linken Seite ein Gehäuse mit vielen Drucktastern, Kippschaltern, Drehreglern und Leuchtdioden. Darauf stand ‚Woman‘. Auf der rechten Seite, das gleiche Gehäuse, aber nur mit einem Aus/Ein-Schalter und einer Leuchtdiode. Darauf stand ‚Man‘. Er hatte daran gedacht, solche Gehäuse in Wirklichkeit zu bauen, aber bisher noch keine Zeit dafür gehabt.

Advertisements