(99) „Ben, warst du schon mal in Disneyland?“

von Alain Fux

„Ben, warst du schon mal in Disneyland?“ Natürlich war er in Disneyland gewesen. Nämlich, um dort eine Fernsehgala zu produzieren. „Nein“, antwortete er seiner Kusine Antonia. Das war auch keine gute Antwort, das merkte er sofort. Sie fing an, ihm Disneyland zu erklären. Vor zwei Wochen war sie mit ihrem Sohn Ianni dagewesen. Am meisten hatte ihr daran gefallen, dass sie Ianni nicht wie sonst selbst bespaßen musste, sondern dass es dafür Personal gab. Sie erzählte Ben von der Main Street und den Gebäuden, die sehr alt aussahen. Ianni hatte geglaubt, dass es eine richtige Stadt sei und wollte unbedingt da wohnen. Bei allen Passanten, die ihnen entgegenkamen, fragte er: „Glaubst du, sie wohnen hier? Oder sind sie auch nur zu Besuch hier?“

Sie erklärte ihm, dass es keine richtigen Häuser waren, sondern nur Bilder von Häusern, wie die Dekorationen beim Schultheater. Ianni wollte ihr nicht glauben, aber sie hatte es dabei belassen.

Plötzlich konnte sie Ianni nicht mehr finden, er war verschwunden. Sie schaute überall in den angrenzenden Läden, suchte bis hinüber zum Schloss und wieder zurück. Er war weg. Sie wandte sich an einen Disney-Mitarbeiter, der sie bat, auf ihn zu warten, er würde sich kümmern. Nach schier endloser Zeit kehrte Ianni an der Hand des Mitarbeiters zurück. Ihr Sohn hatte sich in die Kulissen geschlichen und war durch eine Angestelltentür in den Servicekorridor gelangt, der alle Gebäude verband.

Ianni war froh, wieder bei seiner Mutter zu sein und enttäuscht, dass alles nur Dekoration war. Er weigerte sich, weitere Attraktionen anzuschauen und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Es war sehr schade, aber unser Besuch in Disneyland dauerte nur etwas über eine Stunde.“ – „Das war bestimmt ein Rekord“, pflichte Ben ihr bei und entschuldigte sich, er müsse noch zwei Anrufe erledigen.

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