(98) Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen.

von Alain Fux

Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen. Seine Mutter hatte ihm das Bild gezeigt, auf dem sein Vater eine hohe militärische Auszeichnung bekam. Lange Jahre war dieses Foto für Ben realer gewesen, als es der Vater selbst war während dessen weniger Besuche Zuhause. Erst als Ben schon weggezogen war und selbst sein Glück in der Welt machte, hatte sich seine Sicht auf Konrad Endzweig geändert. Sein Vater hatte sich in den Ruhestand zurückgezogen und war nun öfter Zuhause, wenn Ben seine Mutter besuchte.

Jetzt stand Ben im Wohnzimmer vor diesem Foto und wartete auf seine Eltern. Es war ihre Saphirhochzeit, 45 Jahre Ehe. Seine Tante hatte ein großes Fest ausgerichtet, aber seine Eltern wussten nichts davon. Er sollte die beiden abholen, unter dem Vorwand, mit ihnen zu einem ruhigen Dinner ins Restaurant zu fahren. Dort warteten bereits die Verwandten und viele Freunde.

Seine Mutter tauchte plötzlich hinter ihm auf und erschreckte ihn etwas. „Du siehst nicht glücklich aus, Ben. Was ist los? Wie geht es in deinem Job?“ – „Sehr gut, es läuft sehr gut.“ – „Wie geht es Clara? Warum hast du sie nicht mitgebracht? Ist alles ok zwischen euch?“ – „Ja, weißt du, es läuft momentan nicht so gut“, antwortete er. „Ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt. Einer Mutter kann man nichts vormachen.“ – „Wir werden uns scheiden lassen.“ – „Oh. Ich dachte, diesmal wärest du glücklich. Das ist schade.“ Sie legte ihre Hand in seinen Nacken. „Gibt es eine andere Frau?“ Er lächelte. „Na, dann ist ja alles gar nicht so schlimm“, meinte sie und streichelte ihm die Wange. Er war erleichtert.

Während der Autofahrt war Ben seiner Mutter dankbar, dass sie das Thema dem Vater gegenüber nicht aufgriff. Konrad Endzweig hatte nicht nach Clara gefragt, wahrscheinlich hatte er sie bereits vergessen und er würde Dorothea ohne Zögern in den Familienkreis aufnehmen.

Als er seine Eltern in das Restaurant geleitete, war ihre Überraschung echt gewesen. Alle hatten spontan applaudiert, als sie in den Raum hereinkamen. Sogar sein Vater war gerührt gewesen.

Während des Essens langweilte sich Ben und ging mehrmals vor die Tür, um Anrufe zu erledigen. Er verspürte wenig Lust, seiner tumben Verwandtschaft zum wiederholten Male zu erklären, was er eigentlich beruflich mache.

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