Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juni, 2015

(127) Ist es dir wirklich so wichtig, dass ich für dich diese Uniform trage?

„Ist es dir wirklich so wichtig, dass ich für dich diese Uniform trage? Den Rest mache ich ja mit, aber ich komme mir so blöd darin vor.“ – „Ach Schatz, das haben wir doch schon mehrfach besprochen. Mich macht es einfach mehr an. Tu mir den Gefallen. Es ist ja nicht so oft.“

Eric und Rosa lehnten beide mit dem Rücken gegen die Kopfseite des Betts. Sie waren fünf Jahre verheiratet gewesen, als Eric von einer Produktion ein Dienstmädchenkostüm mitgebracht hatte und sie bat, es anzuziehen. Es hatte sie erstaunt, weil sie diese Seite von ihm bis dahin nicht gekannt hatte. Rosa hatte das Kostüm angezogen, um ihm eine Freude zu machen. Es war ihr natürlich klar gewesen, dass sein Interesse sexueller Natur war. Der Sex, der darauf folgte, war auch ganz anders gewesen, viel lustvoller, viel intensiver. Danach hatte sie ihn gefragt, ob er noch andere Fantasien habe, die er gern ausprobieren würde. Er hatte etwas herumgedruckst und dann erklärt, dass er auf Spanking stehe. Sie wusste zuerst nicht, was er damit meinte und er musste es ihr erklären. Damit hatte sie nicht gerechnet, aber da sie gefragt hatte, fühlte sie sich verpflichtet, etwas mit der Antwort anzufangen. Es entsprach gar nicht ihrer Vorstellung von erfüllter Sexualität, aber sie sah sich als neugierig und aufgeschlossen.

„Wir können es ja mal probieren“, hatte sie ihm geantwortet, „aber ich kann dir nicht garantieren, dass es mir gefallen wird.“ Allein die Vorfreude darauf hatte Eric wieder angeregt.

Die Premiere war gut verlaufen. Es war Rosa weniger unangenehm, als sie es erwartet hatte. Sie bat ihn sogar, etwas fester zu schlagen, weil sie sich sonst lächerlich dabei vorkam. Durch die gesteigerte Durchblutung fühlte auch sie sich besonders erregt nach seinen Schlägen. Seitdem versohlte er sie alle paar Monate, allerdings nur nach Absprache. Als er ihr irgendwann eine neue Dienstmädchenuniform gekauft hatte, wurde ihr gewahr, dass sie die Verkleidung dabei am wenigsten mochte und sie hatten es diskutiert.

Für Eric war es aber ein wichtiger Bestandteil und das hatte sie akzeptiert. Er hatte sie einmal gefragt, ob sie Lust hätte, die Rollen zu tauschen. Das hatte sie aber abgelehnt. „Warum ist dir die Uniform so wichtig? Hattet ihr zu Hause in deinem Elternhaus Dienstmädchen und wurdest du von einem verführt?“, frotzelte sie.

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(126) Eric Bruns saß zu Hause in seinem Sessel und las Zeitung.

Eric Bruns saß zu Hause in seinem Sessel und las Zeitung. Er räkelte sich. „Rosa“, rief er. „Rosa, kommen Sie mal.“ Rosa trat ins Zimmer. Sie trug eine schwarze Dienstmädchenuniform mit weißer Schürze. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie. „Ich bin nicht zufrieden mit Ihren Leistungen, Rosa.“ – „Oh, was habe ich falsch gemacht?“ – „Meine Zeitung hier lag nicht an ihrem Platz. Warum haben Sie sie vor mir versteckt?“ – „Ich habe sie nicht vor Ihnen versteckt. Ich muss sie wohl versehentlich verlegt haben.“ – „Außerdem haben Sie nicht gründlich staubgewischt. Überall fliegen Wollmäuse rum.“ – „Das tut mir Leid. Aber ich gebe wirklich mein Bestes…“ – „Ich glaube“, sprach Eric entschlossen, „ich muss Ihnen Ihre Pflichten noch einmal nachdrücklicher einprägen.“

Er stellte seine Beine nebeneinander und zeigt auf seine Knie. „Aber ich habe mich doch gebessert“, beteuerte Rosa. Eric zeigte nur weiter auf seine Knie. Sie ging zu ihm und legte sich mit dem Bauch quer auf seine Knie. Mit den Armen stützte sie sich ab. Er zog seine Knie etwas auseinander und ihre Füße baumelten jetzt in der Luft.

Eric schob ihren Rock hoch und legte ihre Unterhose frei. Er fasste die Unterhose exakt an den beiden schmalen Hüftseiten und zog sie herunter, ihren Hintern freilegend. Sie protestierte, aber er ignorierte es. Er betrachtete ihren Hintern intensiv. Dann hob er die rechte Hand und mit der flachen Handfläche schlug er ihr abwechselnd auf beide Backen. Ihre Haut rötete sich. Seine Handfläche wurde warm. Sie wimmerte leise.

Als er fertig war mit Schlagen, streichelte er sanft über die geröteten Stellen und dazwischen. Ihr Wimmern mündete in einem leisen Stöhnen. Er half ihr aufzustehen, sie war etwas wackelig. Dann führte er sie nach nebenan ins Schlafzimmer.

(125) Das Publikum johlte, als die Pu der Bär-Tänzer die Bühne verließen.

Das Publikum johlte, als die Pu der Bär-Tänzer die Bühne verließen. Mehrmals leuchtete die Lichttafel mit ‚Applaus‘ auf, um die Reaktion zu verlängern. „Was für ein lahmes Gesocks“, murmelte Eric Bruns, der Studioregisseur. „Jetzt auf die Drei“, befahl er und der Moderator war in Großaufnahme auf dem Kontrollschirm. „Die Eins in Totale auf den Wasserkasten. Die Zwei auf die Kandidaten.“ Der Moderator versuchte sich an einer Überleitung zu der nächsten Talentnummer. Er spazierte hinüber zu den Kandidaten, vier jungen Männern in knappsitzenden Badehosen. Er stellte sie vor und erklärte ihr Talent. Sie wollten sich kopfüber in eine Wasserwanne legen und unter Wasser fünf Minuten die Luft anhalten.

„Gott, Scheiße“, stöhnte Eric. „Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht. Da schaltet doch jeder weg. Fünf Minuten. Nicht zu fassen.“ – „Vielleicht haben wir ja Glück und einer ertrinkt“, meinte seine Assistentin trocken und blendete die Namen der Kandidaten ein, die sich jetzt nacheinander vorstellten. „Nächster. Und grüß jetzt nicht deine Oma, Bürschchen.“ Eric drückte auf den COM-Knopf „Unterwasserkameras bereithalten. Jetzt auf die Eins. Zwei geht nach. Drei auf Ausgangsstellung.“

Die Kandidaten legten sich jetzt in die kniehochgefüllte Wanne. Es war ein Sandkasten aus dem Baumarkt, der umdekoriert und verändert worden war. Der Bühnenbildner hatte den Boden teilweise mit einer Glasplatte ausgetauscht und das Becken auf ein Gerüst gestellt. Darunter standen Kameras, damit man die Kandidaten von unten filmen konnte. „U-Kamera Eins.“ Der Kontrollbildschirm zeigte das Gesicht eines der Kandidaten unter Wasser. Ein paar Bläschen stiegen aus seiner Nase und rollten am Mund hinunter bis zum Kinn, wo sie verschwanden. Der Moderator redete weiter, sprach mit dem Publikum. „Was ist das für ein Dreck? Ist das im Wasser oder an der Scheibe?“ – „Scheibe“, entschied die Assistentin. „U-Kamera Zwei. Und macht den Dreck von der Scheibe bei der Eins weg. Seid ihr blind?“ Eric schüttelte den Kopf. „Gott, ist das langweilig. Warum nur Typen? Warum keine Frau?“ – „Frauen machen so was nicht“, antwortete die Assistentin. Eric musste lachen und geriet deswegen ins Husten. „Publikumsreaktionen von der Eins und der Zwei. Hopp, hopp.“

(124) Jutta schaltete den Fernseher ein.

Jutta schaltete den Fernseher ein. Es lief eine Unterhaltungsshow, in der Zuschauer ihre Talente zum Besten geben konnten. Auf der Bühne mühte sich gerade eine Tanzgruppe ab, die wie Figuren aus Pu der Bär kostümiert waren: Pu war eine Frau im schwarzen Plüschkleid; Ferkel ein etwas feister Mann mit Weste, Fliege sowie einem Hut mit angeklebten Schweinsohren; Christopher Robin eine schmale Blondine mit kurzen Haaren; sowie Tiger, eine dralle Frau im Tigerleotard, hochtoupierten Haaren und Netzstrümpfen.

„Zwei davon erinnern mich an meine Schwiegereltern“, stellte Frauke vergnügt fest. „Lass mich raten… Ferkel und Tiger?“ – „Ja genau. Es fehlen bei ihm nur noch die Schweinsohren. Die Schnute dazu hat er auf jeden Fall. Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn er mich zur Begrüßung küsst. Jedes Mal, wenn ich seine feuchten Lippen an der Wange spüre, wird mir übel. Und sie ist wirklich so eine dralle Wuchtbrumme, die überall ihre Tigerpfoten hat.“ – „Und untereinander?“ – „Auch wie Ferkel und Tiger, sie befiehlt, er folgt.“ – „Und dein Mann darin?“ – „Na, der ist natürlich so unschuldig wie Christopher Robin.“ – „Das lässt dann nur noch Pu den Bären für dich.“ Beide mussten lachen. „Genau, ich bin Pu der Bär. Ein Bär von sehr geringem Verstand.“ – „Und ein Schleckermaul, kein Honigtopf ist vor dir sicher“, fügte Jutta hinzu. „Schon ein tolles Buch. Ich habe es sehr oft verschlungen, als Kind und auch später. Ich habe auch die CDs, vorgelesen von Harry Rowohlt. Da hör ich manchmal rein.“ – „Es ist eine Schande, was die Deppen im Fernsehen daraus machen. Eine Talentshow. Am Ende sind es noch wirklich meine Schwiegereltern.“ – „Das kann nicht sein“, widersprach Jutta, „die hätten dich doch bestimmt zu der Aufzeichnung eingeladen. Noch ein Gläschen?“

(123) Jutta Dombrowski hatte ihrer Freundin Frauke gerade erzählt…

Jutta Dombrowski hatte ihrer Freundin Frauke gerade erzählt, wie sie ihrem Chef, Dr. Buchbinder, einen Abschleppwagen in Island bestellt hatte. Ihres Wissens nach war es zum ersten Mal gewesen, dass er überhaupt seinen ein-Kilometer-Radius um die Apotheke herum verlassen hatte. „Für die Midlife Crisis ist er ja eigentlich etwas zu alt. Außerdem glaube ich, dass Männer eher eine Harley Davidson kaufen als nach Island zum Vulkan zu fliegen“, sinnierte Jutta. „Ich denke, er hatte einen Aussetzer und wird sich wieder bekrabbeln“, entgegnete Frauke.

„Auf jeden Fall“, sprach Jutta, „werden wir jetzt die Kekse killen, die du unverschämterweise mitgebracht hast. Muss ich die Einzige sein, die hier Speckröllchen ansetzt?“ – „Komm, wir machen ein Spiel“, schlug Frauke vor. „Jede von uns steckt abwechselnd Kekse in den Mund, aber ohne sie zu zerkauen. Wer die meisten Kekse in den Mund bekommt, hat gewonnen.“ – „Sehr gut“, meinte Jutta, „und der Verlierer muss seine Kekse alle essen, der Gewinner nicht. OK?“ – „Einverstanden“, antwortete Frauke.

Es war wie in einem Spaghetti-Western. Jutta und Frauke nahmen abwechselnd Kekse aus der Schachtel und steckten sie sich in den Mund. Bei den ersten elf Keksen gab es überhaupt keine Probleme. Danach mussten beide Frauen etwas umschichten, aber beide schlugen sich wacker. Ihre Wangen beulten sich aus und ihre Hälse fingen an zu kratzen wegen der von den Keksen aufgesaugten Feuchtigkeit. Bei 17 Keksen konnten beide ihre Lippen nicht mehr schließen. Bei 19 Keksen war Frauke am Ende, der letzte Keks purzelte ihr aus dem Mund. Jutta steckte noch vier Kekse hinzu, dann war auch sie am Ende.

Frauke entledigte sich ihrer Spielschuld, indem sie ins Bad lief und alle Kekse in die Toilette fallen ließ. Jutta folgte ihr und schaffte es gerade auch noch bis zur Kloschüssel. Beide mussten lachen. „Du und deine verrückten Ideen“, meinte Jutta, „aber du hast gemogelt. Du hättest die nassen glitschigen Kekse essen müssen.“ – „Pfui“, entgegnete Frauke, „das war ja ganz unmöglich. Aber du hast einen gut bei mir.“ Sie saßen wieder im Wohnzimmer und Frauke schenkte noch von dem billigen, lieblichen Rotwein nach.

(122) Josef Buchbinder überquerte die langgezogene Brücke über den Borgarfjörður…

Josef Buchbinder überquerte die langgezogene Brücke über den Borgarfjörður und hinter Borgarnes verließ er die Ringstraße in Richtung Snæfellsjökull. Der Vulkan ragte hoch aus der Ebene heraus. Die Straße verlief zuerst seitwärts nach Norden und bog dann Westen ab, um frontal zum Vulkan zu führen. Josef schaute immer wieder von der Straße auf den Vulkan. Die Sonne stand etwas tiefer, aber noch oberhalb des Bergs. Er hatte die Sonnenblende heruntergeklappt und beugte sich leicht nach vorn über das Steuerrad, um neue Eindrücke zu sammeln.

Die Landschaft war so karg, wie er sie sich vorgestellt hatte. Etwa 20 Kilometer vor seinem Ziel musste er noch einmal in eine schmalere Straße abbiegen, die sich links um einen Hügel wandt. Der Snæfellsjökull verschwand aus seinem Blickfeld und als er wieder erschien, gleichzeitig mit der Sonne, war Josef eine Sekunde nur geblendet. Er verpasste die Rechtskurve der Straße und fuhr mit seinem Wagen in den Graben.

Benommen öffnete er die leicht verbogene und daher knarrende Fahrertür und stieg aus. Unter der aufgefalteten Motorhaube drang Wasserdunst heraus und wehte Richtung Vulkan.

Ein Telefon klingelte. Es war sein Mobiltelefon, das er in der Jackentasche trug. „Hallo?“ – „Hallo. Herr Dr. Buchbinder? Wo sind Sie?“ – „Hallo, Frau Dombrowski. Ich bin am…“ Josef merkte, dass er den Namen des Vulkans noch nie ausgesprochen hatte und es auch nicht konnte. „Ich bin unter dem Vulkan. Auf Island.“ – „Aha, ja, machen Sie Urlaub? Ihre Geschwister waren hier und haben Sie vermisst. Wann kommen Sie denn wieder zurück?“ Josef sah zu dem Snæfellsjökull hinüber, der sehr weit entfernt schien und sich mit Wolken verhüllte. Die Sonne war dahinter verschwunden. Ihm war kalt. „Hallo, sind Sie noch da? Wann kommen Sie wieder zurück?“ – „Bald“, sagte er. „Sagen Sie meinen Geschwistern… Sagen Sie ihnen, dass alles in Ordnung ist. Sie sollen sich keine Sorgen machen.“ Er schaute auf den ramponierten Wagen. „Frau Dombrowski, könnten Sie versuchen, ob Sie einen Abschleppwagen in Island bestellen können? Ich habe eine kleine Panne gehabt.“

(121) Nachdem Josef Buchbinder den Hvalfjörður-Tunnel verlassen hatte…

Nachdem Josef Buchbinder den Hvalfjörður-Tunnel verlassen hatte, fuhr er zuerst ostwärts am Fjord entlang, bevor die Ringstraße wieder nach Westen abbog. Dann erkannte er die Spitze des Vulkans bereits aus der Ferne in einem Wolkenloch. Der Snæfellsjökull. Er spürte eine von Spannung getragene Freude in der Brust. Es war die richtige Entscheidung gewesen.

Zwei Tage zuvor hatte er die Apotheke zugeschlossen und die Tagesabrechnung fertiggestellt. Dann saß er bei Schwarzbrot und Bauernschinken vor dem Fernseher. Es lief ein Dokumentarfilm über Island. Josef biss ein Stück Brotkruste ab, als der Kommentator von Jules Verne sprach. Bei dem Namen hellte sich Josefs Gesicht sofort auf. Er legte sein Brot weg und wandte sich zu seinem Bücherschrank.

In der obersten Reihen fand er, was er suchte: ‚Die Reise zum Mittelpunkt der Erde‘. Die Ausgabe war ziemlich mitgenommen und er nahm sie sehr vorsichtig in die Hände. Der Rücken war mit Klebeband geflickt, der bei seiner Berührung wie ein Fliegenflügel abbrach und zu Boden fiel. Josef hob ihn auf und setzte sich mit dem Buch an den Tisch. Behutsam schlug er es auf und fing an zu lesen. Es war wie eine Zeitreise für ihn. Als ob er noch der kleine Bücherwurm war, als den ihn seine Geschwister ständig gehänselt hatten. Alles versank um ihn herum. Manche Seiten überblätterte er, manche Seiten las er mit großer Konzentration. Und da ihn niemand störte, las er sehr lange.

Irgendwann merkte er, dass seine Kehle vor lauter Lesen ausgetrocknet war und er holte sich ein Glas Wasser aus der Küche. Im Flur blieb er vor dem Spiegel stehen und betrachtete sich. Er war ein alter Mann geworden, der zu viel Zeit als Apotheker verbrachte und zu wenig als Mensch. Dahinter gab es aber immer noch den kleinen wissbegierigen Jungen, der er einmal gewesen war. Es war ihm, als ob ein Raunen durch den Flur ging und ihm mitteilte, dass seine Zeit bemessen sei.

Früher hatte er geträumt, selbst nach Island zu reisen, um den Eingang zur Unterwelt zu entdecken. Er könnte es nachholen. Es freute ihn, als ihm dieser Gedanke kam und deshalb dachte er noch stärker daran. Bis er schließlich vom Gedanken zur Planung schritt und nach Flügen suchte. Dann einen Flug buchte, packte und aufbrach.

Das brüchige Buch hatte er im Gepäck mitgenommen, damit fühlte er sich sicherer. Es war, als ob er auf Wolken ginge.

(120) Der General baute sich dicht vor der Empfangstheke auf.

Der General baute sich dicht vor der Empfangstheke auf. Seine hochdekorierte Brust lag fast auf der Tischplatte. Er war der Sprachführer dieser seltsamen Gruppe, die jetzt in der Polizeiinspektion 47 stand.

Paul Schramm, der diensthabende Polizeibeamte, hatte zwei Mal hinschauen müssen, als er auf dem Überwachungsmonitor drei Nonnen und einen General in Paradeuniform vor dem Eingang des Reviers gesehen hatte. Zuerst dachte er, dass die Kollegen sich einen Scherz mit ihm erlaubten. Als die Gruppe hereinkam, war es Schramm klar, dass seine Besucher keine Fälschungen waren. „Unser Bruder ist verschwunden. Wir möchten eine Vermisstenanzeige aufgeben“, erklärte General Buchbinder, während die drei Nonnen hinter ihm im Halbkreis aufgestellt eine Art Nachhut bildeten.

Die Schließanlage knackte und die Tür des Reviers öffnete sich wieder. Heinz Reimann von der Kripo kam mit einem Karton voller Ordner durch. „Morgen Paul“, grüßte er. Sein Zwinkern und sein Gesichtsausdruck bedeuteten ‚Hoher Besuch, das gibt es hier selten‘. „Morgen Heinz“, antwortete Schramm, zog aber keine Grimassen, denn er wusste sich von vier Augenpaaren beobachtet.

Es stellte sich heraus, dass General Buchbinder, die drei Nonnen (Schwester Agatha, Schwester Annunziata und Schwester Maria Isabella) gemeinsam ihren Bruder, Josef Buchbinder, besuchen wollten. Josef Buchbinder betrieb eine Apotheke, zwei Straßenzüge vom Revier entfernt. Schramm kannte die Apotheke, denn er war einmal als Kunde dort gewesen. An den Apotheker konnte er sich aber nicht erinnern.

Die Geschwister hatten sich vor längerer Zeit verabredet und wollten gemeinsam zu einer Familienfeier fahren: Die Enkelin des Generals sollte getauft werden. Josef Buchbinder wohnte im ersten Stock der Apotheke und als sie ankamen, war die Apotheke geschlossen. Ihr Klingeln in der Wohnung wurde nicht beantwortet. Eine Rückfrage bei Frau Dombrowski, der Mitarbeiterin des Apothekers, ergab, dass diese seit einer Woche im Urlaub war und ihren Arbeitgeber seither nicht gesehen hatte. Eine Nachbarin meinte, dass die Apotheke seit zwei Tagen geschlossen sei und sie davon ausging, dass auch Herr Buchbinder im Urlaub sei.

„Das passt nicht zu unserem Bruder“, sprach der General, „er ist immer peinlich genau. Wir glauben, dass hier ein Verbrechen vorliegt.“

(119) Die Tür öffnete sich und ein Fremder trat ein.

Die Tür öffnete sich und ein Fremder trat ein. „Wer sind Sie?“ Schlüter sprang erschrocken auf. „Was machen Sie in meinem Büro?“

Der Mann hob beschwichtigend die Hände. „Guten Tag. Herr Schlüter, nicht wahr? Mein Name ist Heinz Reimann, ich bin Kriminalkommissar bei der Kripo. Beschäftigt Ihr Unternehmen einen Fahrer namens Thomas Wendland?“

Schlüter hatte sofort Wendlands Gesicht vor Augen. Junger netter Kerl, sehr intelligent, aber leider nicht sehr zuverlässig. Öfter fiel er aus oder kam zu spät. Schlüter hatte den Eindruck, dass Wendland den Belastungen des modernen Fahrbetriebs nicht gewachsen war.

„Ja, Thomas Wendland ist einer unserer Fahrer. Warum fragen Sie? Ist etwas passiert?“ Schlüter spürte gleich wieder die Schmerzen des Reflux in der Speiseröhre und den Druck auf dem Brustkorb. „Er wird verdächtigt, für einen internationalen Schmugglerring Zigaretten in Ihren Lastwagen transportiert zu haben. Wir haben ihn diese Nacht verhaftet. Die Kollegen vom Zoll haben ihn auf frischer Tat ertappt. Er hat bereits gestanden und ausgesagt, dass im Unternehmen niemand etwas davon wusste. Dennoch bin ich hierhergekommen und habe eine Durchsuchungsanordnung dabei. Ich bitte Sie, mir dabei zu helfen, alle Papiere einzusehen, die mit Herrn Wendland zu tun haben. Insbesondere die Tourenpläne der letzten zwölf Monate.“

Schlüter war ganz benommen. Es war nicht das erste Mal, dass die Polizei im Haus war, aber heute schien es ihm viel mehr auszumachen. Er fühlte sich unwohl. So, als ob er sich gleich übergeben musste. „Ist Ihnen nicht gut, Herr Schlüter? Bleiben Sie sitzen.“ Reimann nahm ein Glas vom Tisch, halbvoll mit Wasser gefüllt und hielt es Schlüter hin. „Danke.“ Schlüter trank einen Schluck. „Entschuldigen Sie, ich bin gesundheitlich angeschlagen. Ich werde Sie natürlich in allem unterstützen. Ich bin geschockt, das hätte ich nicht erwartet.“

(118) Seinem Arzt hatte Schlüter das Gefühl beschrieben.

Seinem Arzt hatte Schlüter das Gefühl beschrieben. Es fühle sich an, als ob ihm jemand ein glühendes Schwert in den Mund, den Hals herunter, weiter durch die Speiseröhre, bis hin in den Magen schieben würde. Gleichzeitig ein Gefühl von Enge und Hilflosigkeit. Jetzt war es wieder da. Er löste den obersten Knopf seines Kragens und stützte den Kopf in die Hände. „Papa, es ist so ungerecht.“ – „Was denn, Roxy?“, antwortete er tonlos.

Der Arzt hatte ihn beruhigt. Es war kein Herzinfarkt. Zur Sicherheit hatte er zwar ein EKG angefertigt, aber bereits vorher hatte er Schlüter Entwarnung gegeben. „Sie leiden unter Reflux, auch noch als Sodbrennen bekannt.“ Der Arzt ging von einer nervösen Ursache aus. Schlüter hatte seit fast einem Jahr seine Ernährung umgestellt und verzichtete jede Woche an drei Tagen auf das Abendbrot. Trotzdem kam der Reflux immer wieder. „Ich will am Samstag eine Stunde länger weggehen und Mutti will nicht. Aber Hakon hat sie heute einen Hund versprochen.“

Schlüter atmete tief durch, das hatte ihm sein Arzt geraten. Es schien das Sodbrennen nicht direkt zu stoppen, aber zumindest fühlte er sich dadurch ruhiger, bis die Wirkung der Tabletten einsetzte.

„Schatz, das tut mir Leid. Mutti hat im Moment sehr viel um die Ohren. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie etwas sagt, das ungerecht klingt, oder?“ – „Aber das ist immer so. Nicht nur heute. Sie ist so ungerecht. Papi, kann ich am Samstag etwas länger wegbleiben? Nur eine Stunde? Von all meinen Freundinnen wird keine kürzer gehalten als ich. Bitte, bitte.“ – „Ich habe eine Idee, Roxy. Heute ist Mittwoch. Bis Samstag ist es noch einen Moment. Heute Abend, wenn ich zu Hause bin, reden wir noch einmal in Ruhe darüber. OK? Wir werden eine Lösung finden. Niemand will dich ungerecht behandeln. Deine Mutter und ich lieben dich sehr.“ – „Danke, Papi, du bist ein Schatz.“

Matt lächelnd und seine Brust massierend legte Schlüter auf. Logistik war eine Kunst. Kinder auch, aber viel schwieriger. „Das Problem des Handelsreisenden“, hörte er sich leise sagen.