(94) Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen.

von Alain Fux

Ted hatte sich wirklich um nichts kümmern müssen. Peggy, ganz die perfekte Organisatorin, hatte alles im Griff. Die Buchungen, die Transfers zum Flughafen und am Zielort zum Hotel, sogar das Packen hatte sie für ihn erledigt.

Als Ted im Hotel seinen Koffer öffnete, stockte ihm der Atem: Peggy hatte ihm neue T-Shirts, Hosen, Shorts und so weiter gekauft, in hellen Farben, ganz wie das Zeug, das Touristen trugen. „Aber ich bin Punkrocker“, beteuerte er ihr, worauf sie ihn auslachte und ihm sagte, er solle mal die Shorts anziehen, sie wolle zum Strand gehen. Er tat es, kam sich aber wie der letzte Spießer darin vor. Aus Protest trug er noch einen weiteren Tag das schwarze Ramones-T-Shirt, das er am Reisetag angezogen hatte. Am nächsten Morgen war es verschwunden und er wagte nicht, Peggy danach zu fragen.

An einem der Urlaubstage waren sie zu einem antiken Hafen hinaus spaziert und genossen den Schatten der hohen Bäume. Es gab einen alten Weg, der auch im Reiseführer verzeichnet war. Von dort sollte man von der Seeseite her eine herrliche Aussicht auf den neuen Hafen haben. Peggy wollte unbedingt diese Strecke erkunden. Allerdings brauchte man dafür einen Führer. An einem im Reiseführer erwähnten Treffpunkt fanden sie einen Einheimischen mit Matrosenmütze, der ihnen den Weg zeigen wollte. Neben Peggy und Ted gehörten noch drei andere Paare der Expedition an.

An einer Stelle des Weges war der alte Pfad komplett weggebröckelt und es war eine Lücke entstanden, durch die man tief unten die Brandung an den Steilfelsen erblickte. Die Wanderer mussten sich an einem Felsen festhalten, während sie auf die andere Seite der Bresche pendelten. Ted sah nervös zu, wie Peggy den Abgrund ohne Probleme bezwang. Jetzt waren nur noch er und der Matrose zurück geblieben. Der Matrose machte eine einladende Handbewegung, aber Ted schüttelte den Kopf. Der Matrose rollte die Augen. Er erklärte Ted, dass es eine Alternative gebe, die er aber sonst nur für kleine Mädchen anwenden würde. Dabei grinste er verächtlich. Ted hatte keine andere Wahl. Der Matrose hielt sich mit einem Arm am Felsen fest, umklammerte mit der anderen Hand Ted an der Taille und stieß sich ab. Mit Ted an der Außenkante umzirkelten sie den Abgrund. Ted wurde flau im Magen, aber dann standen sie auch schon wieder auf dem Pfad. Seine Knie zitterten, der Matrose lachte und zeigte eine Zahnlücke unten rechts. Peggy hatte die Aktion fotografiert. „Nicht fair“, murmelte Ted, „wehe, du zeigst das Bild den Jungs.“

An dem Abend legte Peggy sich früh ins Bett. Ted blieb auf dem Balkon sitzen mit einem reichen Vorrat an Bier, Whiskey und Zigaretten. Wenn er schon den Urlaub, auch noch in Spießerklamotten, über sich ergehen lassen musste, wollte er wenigstens abends etwas Spaß haben. Seine aufregende Erfahrung des Nachmittags verarbeitete er in einem neuen Song, ‚Swinging by‘, den er zu Ende schrieb, bevor er betrunken auf dem Klappsessel einschlief.

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