(91) Als Oban den Veranstaltungsraum verließ…

von Alain Fux

Als Oban den Veranstaltungsraum verließ, wartete Franziska draußen auf ihn. Bereits während des Vortrags war sie ihm aufgefallen in ihrem perfekt sitzenden Kostüm, der cremefarbenen Seidenbluse und der Perlenkette. Sie lächelte ihm zu und schlug die Augen nieder. „Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen auflauere. Nachdem alle weg sind, habe ich mir gedacht, ob wir vielleicht noch ein paar Worte wechseln können.“ – „Aber natürlich“, antwortete Oban und lächelte zurück. „Der Vortrag war etwas kurz, Sie haben bestimmt noch Fragen. Womit kann ich Ihnen dienen?“ Sie meinte, ob man sich nicht an einem ruhigen Ort unterhalten könnte. Er schlug vor, dass sie sich in die Bar setzten, um die Zeit sei es da sehr ruhig. „Nein“, antwortete sie, „das wäre nicht gut.“ Er solle es nicht persönlich nehmen, aber es würde ihrer Ehe schaden, wenn man sie mit ihm zusammen sehen würde. Auch wegen der Klatschreporter, die vielleicht gerade noch in der Bar lauerten. Er blickte sie prüfend an und sagte dann: „Na schön, ich habe Suite 167. Kommen Sie in fünf Minuten nach.“ – „Danke für Ihr Verständnis“, hauchte sie. „Wir sehen uns gleich.“

Sie klopfte leise, aber bestimmt. Er öffnete die Zimmertür und ließ sie herein. „Sie haben sich umgezogen“, bemerkte sie mit Blick auf seinen Bademantel. Er lächelte: „Ich bin kein Freund von Förmlichkeit. Ich heiße John.“ – „Ich heiße Franziska.“ – „Möchten Sie etwas trinken, Franziska?“, erkundigte er sich, „soll ich etwas Champagner kommen lassen?“ – „Nein, auf keinen Fall, dafür ist es noch zu früh. Ein Glas Wasser für mich.“ Sie setzten sich auf das Sofa.

„Sie interessieren sich nicht wirklich für außerirdisches Leben“, sondierte er vorsichtig. „Warum sagen Sie das?“ – Viele Damen versuchen, so mit mir ins Gespräch zu kommen.“ – „Warum haben Sie mich denn mit auf Ihr Zimmer genommen?“ – „Vielleicht wollte ich ja mit Ihnen ins Gespräch kommen…“ – „Eigentlich wollte ich testen, ob Sie sich wirklich für außerirdisches Leben interessieren, oder ob das nur ein Vorwand ist, um Frauen wie mich zu treffen.“ – „Sie tun mir unrecht. Außerirdisches Leben wäre mir ein zu großer Umweg, wenn es nur darum ginge, Sie zu treffen.“

Er sah ihr in die Augen. „John“, ihre Augen hielten seinem Blick stand, „irdisches Leben interessiert mich viel mehr. Könnten Sie sich vorstellen, dass ich Ihre Tochter sein könnte?“ Sie beobachtete seine Reaktion und bemerkte, wie seine Nasenlöcher sich einen Moment aufblähten. „Das ist nicht möglich“, antwortete er. „Sie haben recht“, gab sie zu und rutschte näher zu ihm. „Ich finde Sie unheimlich sexy“, flüsterte sie. Sie steckte ihre Hand mit den perfekten, rotlackierten Fingernägeln hinter das Revers seines Bademantels und streichelte über sein Brusthaar.

Er griff ihre Hand am Gelenk und zog sie heraus. „Ich dachte, Sie wollten mit mir über meine wissenschaftliche Arbeit sprechen. Ich hatte mich wohl geirrt. Sie sollten jetzt gehen.“ Er stand auf und zeigte auf die Tür. Sie erhob sich ebenfalls, strich ihren Rock glatt und verließ das Zimmer durch die Tür, die er für sie aufhielt. Als sie draußen war, schüttelte er ungläubig den Kopf.

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