(89) Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga.

von Alain Fux

Vom Strand fuhren Sie zur Geburtstagsfeier von Emmas Schwester Olga. Sie arbeitete als Sekretärin in einem Verlag, der auf Autobiografien spezialisiert war. Das neue Programm enthielt die Memoiren von John Oban, dem Filmschauspieler. Als er vor ein paar Tagen eine Besprechung mit dem Verleger hatte, hatte Olga ihn im Scherz zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Zu ihrer großen Überraschung hatte Oban zugesagt.

Da sie ihren Freunden davon erzählt hatte, kamen alle Eingeladenen und brachten noch weitere Freunde mit. Bevor Oban seinen Auftritt hatte, rätselten alle nur darüber, ob er auch tatsächlich auftauchen würde und wie er privat sei. Als er plötzlich mit einem riesigen Blumenstrauß in der Tür stand, hatte er alle Aufmerksamkeit für sich. Bei dem ‚Happy Birthday, Olga‘-Lied, das Oban anstimmte, sang keiner richtig mit, weil jeder nur ihm zuhören wollte. Und nachdem Oban wieder gegangen war, redeten alle nur von seinem spontanen Auftritt. Mit anderen Worten: Olgas Geburtstagsfeier diente zu ihrem eigenen Ärger nur der Glorifizierung von John Oban.

Einzig Olgas Mann Doug war nicht an Oban interessiert. Er schlich sich an Emma heran, die in der Küche aushalf. Bei Obans Ankunft strömten alle in den Flur. Doug blieb zurück und hielt auch Emma auf, denn er müsse mit ihr sprechen. Als sie beide allein in der Küche waren, eröffnete er ihr, dass er wisse, was sie in Wirklichkeit treibe. Er habe es selbst gesehen, leugnen sei zwecklos. Emma war wie vom Donner gerührt. Mit dieser Gefahr hatte sie nicht gerechnet. „Eigentlich müsste ich mit Louis darüber reden, wir sind immerhin eng befreundet.“ Das stimmte, denn Emma hatte Louis über Olga und Doug kennen gelernt. „Eigentlich?“, wiederholte sie. Doug räusperte sich. „Ich sehe da eine Möglichkeit, um das zu verhindern. Ich komme ab und zu an deinem Arbeitsplatz vorbei, wir haben etwas Spaß miteinander und ich erzähle bestimmt niemand etwas. Wie klingt das?“ Emmas Kopf fühlte sich an wie ein ausgeblasenes Ei. „Kann ich darüber nachdenken?“ – „Sicher“, antwortete er, „das muss wohl überlegt sein.“ Er legte ihr die Hand auf den nackten Oberarm, auf dem man noch die Beine der eintätowierten Engel erkennen konnte, und trat zu den anderen in den Flur. Emma blieb zurück. Sie musste sich erst hinsetzen.

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