(87) Planlos lief Sebastian durch die Stadt.

von Alain Fux

Planlos lief Sebastian durch die Stadt. Einige Zeit saß er auf einer Bank am Kanal und beobachtete Kinder dabei, wie sie ihre Drachen steigen ließen. Er war durch ein Kaufhaus gelaufen, als er entdeckte, dass er seine Uhr beim Trainer gelassen hatte. Er kaufte sich spontan eine neue, billige Uhr. Als er am Kanal saß, beobachtete er, wie der Sekundenzeiger geschmeidig rund um das Zifferblatt kreiste. Der Zeiger zögerte bei keiner der 5-Sekunden-Markierungen. Faszinierend die Gleichmäßigkeit, mit der er einen vollkommenen Kreis beschrieb. Sebastian hingegen hatte versagt und fühlte sich elend. Aus dem Kanal stiegen Luftblasen von Fischen empor. Mittlerweile war es dunkel geworden und die Natriumdampf-Niederdrucklampen verbreiteten ihr heimeliges gelbes Licht.

Er könnte in seine Unterkunft zurückkehren. Er könnte in einem Hotel einchecken. Wieder lief er die Straßen entlang. Plötzlich stoppte ihn ein leises „Kann ich dich aufmuntern?“. Er blieb stehen und wandte sich zu der Stimme um. Am Rand des Bürgersteigs lehnte eine kleine Frau an der Hausmauer und schaute ihn an. Er dachte nach, die Hände in den Taschen und blickte dabei in die andere Richtung. Ein alter Herr mit Hut spazierte zwischen den beiden durch und blickte Sebastian ins Gesicht.

„Komm mit“, sagte Emma, als sie wieder allein waren, und streckte ihre Hand aus. Er trat auf sie zu und ergriff die Hand. Emma hatte kurze struppige Haare, um den Hals ein Lederhalsband mit Nieten und ein Labret-Piercing an der Unterlippe. Ihr weitausgeschnittenes Top im Leopardenmuster hatte einen Fellkragen und zeigte die Engel-Tatoos an ihren Schultern. Dazu trug sie einen Minirock, hatte nackte Beine, die in High Heels steckten, die jetzt vor ihm über den Bürgersteig klapperten.

Emma führte ihn durch einen dunklen Hauseingang eine Treppe hoch in ein Zimmer mit schummrigem Licht, einem Bett, zwei Stühlen und einem Tisch. „Setz dich“, sie deutete auf das Bett. Er setzte sich. „Ich habe kein Menü“, erklärte sie lächelnd und zeigte ihre Zahnlücke. „Du musst mir sagen, wie du es gerne haben möchtest.“ Er überlegte und starrte auf das Muster ihres Tops. Dann lächelte er zurück, etwas verschämt, und sagte: „Normal, bitte.“ – „Sehr gut“, erwiderte Emma, „normal ist meine Spezialität.“ Sie zog ihm sein T-Shirt über den Kopf, legte seinen Oberkörper flach auf das Bett und setzte sich rittlings auf ihn. „Du hast einen tollen Körper“, bewunderte sie ihn und massierte die Beule in seiner Hose, „treibst du viel Sport?“

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