(86) Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen.

von Alain Fux

Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen. Seine schmalen Augen, die auf den dunklen Tränenstreifen balancierten, schauten unbestimmt in die Ferne. Unter dem Fell kein Gramm Fett. Deshalb mussten Geparden bei der Jagd erfolgreich sein, sie hatten keine Reserven. Vier Mal erfolglos der Beute hinterher zu rennen, konnte den Hungertod bedeuten.

Sebastian war ebenfalls hungrig. Er hatte monatelang der Leichtathletik-Meisterschaft entgegen gefiebert und jetzt war es soweit. 110m Hürden und er war der Favorit. Noch ein Mal sah er den Geparden vor sich. Der Starter hob die Pistole. Sebastian spannte seinen Körper an wie eine Stahlfeder. Bereit, seine Kräfte zu entfesseln. Seine Mitläufer rechts und links taten dasselbe. Im Blick hatte er die erste Hürde. 42 Zoll hoch, ein weißer Balken mit zwei Streifen. Im selben Augenblick, als er den Knall hörte, schnellte er aus dem Starterblock. 45 Fuß zur Hürde. Sie kam schnell näher. Sieben Fuß vorher hob er sein rechtes Bein, hielt es so gebeugt, dass es gerade über die Hürde passte. Aber er berührte die Hürde und sie fiel um. Weiter… Er setzte optimal auf, eins, zwei, drei Schritte… Schwungbein hoch… Er berührte wieder die Hürde und sie kippte. Nicht aus dem Rhythmus bringen lassen. Weiter… Aus den Augenwinkeln merkte er, wie sein rechter Nebenmann an Raum gewann. Er setzte auf, eins, zwei, drei… hob das Schwungbein zu spät und geriet fast ins Straucheln, als er die dritte Hürde umwarf. Auch sein linker Nachbar zog an ihm vorbei. Sebastian war verunsichert. Als er die vierte Hürde riss, spulte sich vor seinem inneren Auge der Lauf des Geparden ab, majestätisch in der Savanne. Er war geschlagen.

Er lief mechanisch weiter, aber es war vorbei. Trotzig haute er auch noch die restlichen sechs Hürden um und erreichte als vierter das Ziel. Seinen Trainer beachtete er nicht. Erstaunt sahen ihn andere Sportler, Trainer und Journalisten an. Er konnte ihre Blicke nicht erwidern. Die Geräusche der Menge drangen nur sehr gedämpft zu ihm durch. Er wollte hinaus, ergriff seine Sporttasche und lief geradewegs in die Umkleidekabinen. Seine Ferse blutete. Kurz blieb er sitzen, dann stand er auf und zog sich um. Die Fahne in der Sporttasche ließ er auf den feuchten Kachelboden fallen und verließ das Stadion.

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