(82) Während der Conférencier seine Ansage machte…

von Alain Fux

Während der Conférencier seine Ansage machte, warteten die Tänzerinnen in den Nonnenkostümen in der Kulisse. Alonso war nach seinem Auftritt hinter der Bühne geblieben und versuchte Julie, eines der Mädchen, für ein Date nach der Show zu gewinnen. Hilda, immer noch auf Alonsos Arm, schnappte nach dem Mädchen, bekam von Alonso einen Schlag auf den Kopf und Julie versetzte Alonso einen Faustschlag gegen die Schulter. Die Tänzerin hielt sich die schmerzende Stelle am Arm, wo Hilda sie gezwickt hatte. Dann setzte die Musik ein, der Vorhang hob sich und die Mädels tanzten ihren Cancan im Nonnenoutfit. Julie fand die Nummer total öde, nicht einmal ein Kardinal hätte davon Herzklopfen bekommen. Der Regisseur hatte vielleicht eine gute Hand bei Akrobaten und Hundedressuren, aber Netzstrümpfe unter Nonnentracht hätten schon Toulouse-Lautrec zum Gähnen gebracht.

Julie war seit sieben Jahren beim Varieté. Mit ihrer Volljährigkeit war sie von Zuhause ausgerissen und hatte sich einer Gruppe Artisten angeschlossen. Die Liebe zu einem genauso bildhübschen wie untreuen Mann war einer der Gründe gewesen, aber ebenso ihre Leidenschaft für das gesamte Ambiente. Seitdem besetzte sie eine ganze Reihe von Rollen: Schlangenbeschwörerin, Assistenten eines Großillusionisten und eines Manipulateurs, Partnerin eines Peitschenkünstlers sowie eines Jongleurs. Dazwischen regelmäßig Tanzeinlagen, meistens interessantere als dieser Nonnen-Cancan. Kurze Zeit musste sie sogar mal als Frau mit Bart einspringen.

Faszinierend hatte sie die Zeit als Assistentin des Hypnotiseurs Adam Ritchley gefunden, der eine ganze Gruppe von Zuschauern auf die Bühne holte, sie hypnotisierte und ihnen allerlei unterhaltsame Aktionen befahl. Adam hypnotisierte die Zuschauer aber nicht wirklich. Er verlangte zum Beispiel eingangs, dass alle im Publikum ganz fest ihre Hände aneinander drückten und verkündete dann, dass die Hände untrennbar miteinander verschmolzen seien. Es gab oft Zuschauer, die ihre Hände dann kaum mehr lösen konnten. Unter diesen suchte er die Zugänglichsten aus und bat sie auf die Bühne. Wispernd erklärte er ihnen, was er von ihnen verlangte. Adams Vorgehen funktionierte jedes Mal.

Bei einer Performance hatte Julie allerdings Zweifel, ob nicht trotzdem etwas Wahres an der Hypnose dran sein könnte.

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