(76) „Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“

von Alain Fux

„Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“, befahl Jonathan und Anton machte sich auf die Suche. Jonathan gluckste und flüsterte halbleise zu Betty und Letty, „jede Wette, das ist ein Banker.“ Anton kam mit dem Taxi an. Jonathan nannte dem Fahrer eine Adresse in den südlichen Vororten („Magnolienstraße 173“) und dann fuhren die vier los. Anton auf dem Beifahrersitz, Jonathan hinten in der Mitte, Betty links und Letty rechts.

Sie fuhren zu einem Haus, das in der folgenden Woche abgerissen werden sollte. Heute fand darin die letzte Party statt. Wenn Abriss, dann wenigstens aus gutem Grund, war das Motto des Abends. Es gab auch ein Thema: ‚Hemd oder Hose‘. Jeder Teilnehmer musste sich entscheiden, ob er lieber mit nacktem Oberkörper oder ohne Hose hinein wollte. Das galt aber nur für Männer, Frauen durften auch so hinein. Jonathan hatte seine Hose ausgezogen, seine zerrissenen Y-Briefs behielt er an. Anton hatte unter den spöttischen Blicken von Jonathan und den Mädels etwas gezögert. Dann legte er kurz entschlossen seinen speckig-weißen Oberkörper frei. Betty biss ihm in die Brust und er jaulte auf. Im Orbit seiner Brustwarze erkannte er den Abdruck ihrer Zähne.

Die Musik war ok, vor allem war sie zum Schneiden laut. Frauentechnisch war wenig los, es waren hauptsächlich Slummer unterwegs. Dafür gab es Alkohol in Mengen und in allen Varianten. Jonathan schnappte sich eine Flasche Gin, trank einen Schluck und bedeutete Anton, den Kopf mit offenem Mund nach hinten zu lehnen. Mit einem schmutzigen Finger am Flaschenhals dosierte er die Ginabgabe in Antons Mund. Anton verschluckte sich und musste husten.

Alle lagen herum auf Matratzen und Decken. Die Tapeten rollten sich in den meisten Räumen von den Wänden. In der holzgetäfelten Küche hatten ein paar Idioten mit dem Abbruch angefangen und rissen die Bretter von den Wänden. Einer hatte sich einen Nagel in den Fuß gejagt, saß auf der Erde und schüttete Wodka auf die blutende Wunde. Ein Ledermantelträger mit gepiercten Nippeln verkündete, dass hier nichts mehr gehe. Er fahre zurück zur Bar der Herzen. Betty und Letty hakten sich bei ihm ein, denn er hatte ein Auto und schien noch fahrtüchtig zu sein. Jonathan schickten sie Luftküsse durch den Raum, aber der saß in der Ecke und rauchte stoisch seine Kippe weg, Anton erwartungsvoll an seiner Seite. „Wie heißt du eigentlich, du Banker?“, fragte Jonathan eine halbe Flasche Gin später. „Anton“, lallte Anton. „Bescheuerter Name, ich nenn dich An…thrax“, nuschelte Jonathan zurück und pennte ein. Als er aufwachte, merkte er, dass Anton neben ihm lag und schlief, sein Kopf lag auf Jonathans Oberschenkel. Er weckte Anton mit einem derben Wisch der Hand über den Kopf. „Hey“, muckte Anton auf. „Verzieh dich von meinem Knie.“ Anton erkannte die Lage und ruckte hoch. Es schien leerer als vorhin, vielleicht auch, weil die meisten Slummer in der Horizontalen waren. Die Musik war immer noch gleich laut. Durch die Beatpausen flogen fetzenartig Geräusche einer Auseinandersetzung am Eingang herüber.

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