(73) Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

von Alain Fux

Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

‚Die drei alten Männer saßen im Schatten der Bäume, abseits des großen Treibens, und spielten Schach, wie an jedem Nachmittag. Jedes Jahr brachte einer von ihnen die Frage auf, ob man es am Tag der Schwulenparade nicht besser lassen sollte. Der Fragesteller war nicht jedes Mal derselbe und es gab auch kein System dafür, wer die Frage stellte. Auf jeden Fall antworteten die jeweils anderen, dass man natürlich Schach spielen würde, auch an dem Tag. Und so kam es, dass sie auch an diesem Tag an einem kleinen runden Betontisch saßen, auf dem ein Schachspiel aufgestellt war. Jeder brachte seinen eigenen Klappstuhl mit. Zwei von ihnen hatten einen roten Klappstuhl, einer einen blauen. Das Schachspiel hingegen benutzten sie schon so lange, dass es nicht mehr klar war, wem es gehörte. An jedem Tag nahm es ein anderer mit zum Aufbewahren. Manchmal nahm derselbe Spieler das Schachspiel an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit nach Hause. Aber auch darin war keine Systematik zu erkennen. Sie saßen in Drittelstellung um den Tisch herum und wenn die Spieler wechselten, wurde nur das Spiel etwas gedreht. Zwei von ihnen spielten jeweils und einer schaute zu. Jeder Spieler saß an seinem Platz und kehrte am nächsten Tag auch wieder an diesen Platz zurück. Für einen flüchtigen Passanten sah es wie vom Zufall geordnet aus, wie die drei Männer an ihrem schmucklosen Betontisch saßen. Vielleicht war es anfangs auch Zufall gewesen, der sich aber über die Jahre so oft wiederholt hatte, dass ihre Handlungen zu einem festen Ritual geworden waren.

Der Mann, der gerade am Zug war, schob seinen Strohhut in den Nacken. Er trug jeden Tag einen Strohhut. Sein Gegenspieler trug wie üblich eine Schiebermütze und der Zuschauer war barhäuptig. Dafür war er der einzige der drei, der rauchte.‘

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