(71) Als jungem Bürgermeister war Rossbach…

von Alain Fux

Als jungem Bürgermeister war Rossbach vor vielen Jahren ein grober Schnitzer unterlaufen. Es hatte ihn den Bürgermeisterposten gekostet, wenn auch nur für eine Legislaturperiode. Rossbach hatte damals eine Spende akquiriert, mit der ein Freibad gebaut werden konnte. Als Dank für die Spende hatte er im Gemeinderat durchgesetzt, dass die Anlage nach dem Vater des Spenders benannt werden sollte. Das Freibad wurde gebaut und eingeweiht. Am fünften Tag verunglückte der siebzehnjährige Sohn des Spenders tödlich auf der großen Wasserrutsche. Er war sehr fett gewesen und in der Halbröhre stecken geblieben. Um wieder in Schwung zu kommen, hatte er sich an den Streben über ihm hochgezogen. Leider war im gleichen Augenblick eine weitere Person die Rutsche heruntergekommen und hatte ihn angestoßen. Der Spendersohn blieb mit dem Hals zwischen zwei Streben hängen und erstickte, bevor man ihn befreien konnte. Zwar war er auch vollkommen betrunken gewesen, aber das interessierte später niemanden. Der Architekt der Rutsche wurde vom Spender zur Rechenschaft gezogen und der Bürgermeister auch. Die Gemeinde musste hohen Schadensersatz zahlen. Zudem fanden später viele Wähler, dass die Benennung des Freibads von schlechtem Geschmack zeugte und der Bürgermeister sich habe instrumentalisieren lassen. Die Vorwürfe waren einer abstruser als der andere.

Seitdem war Rossbach bei allen Schenkungen, Erbschaften und dergleichen sehr vorsichtig, vor allem wenn Bedingungen daran geknüpft waren.

„Wie verbleiben wir?“, fragte Edgar und stand auf. Der Bürgermeister erhob sich ebenfalls: „Wäre es Ihnen recht, wenn ich Ihnen einen Mitarbeiter schicke, der in kulturellen Dingen sehr bewandert ist? Er könnte sich die Artefakte einmal genau anschauen.“ – „Das scheint mir eine gute Vorgehensweise“, antwortete Edgar und verabschiedete den Bürgermeister an der Tür. Als er wieder allein war, grinste er in sich hinein. Er war gespannt, welche Klimmzüge die Gemeinde machen würde, wenn sie bemerkte, dass ein Teil der Artefakte die Geschichte der Schwulenbewegung in Deutschland seit 1945 reflektierte.

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